Ein Kieselstein am Handgelenk

Ten-Thirteen im Bus
Ten-Thirteen im Bus

Es ist 10:13, Samstagvormittag, und ich sitze im Bus zum nächsten Subzentrum (= Steglitz). Ich will wissen, wie spät es ist, sehe auf die Uhr (l.) und stelle fest: Es ist ten thirteen. Eine von mehreren möglichen Arten der Pebble Smartwatch, die Zeit darzustellen. Obwohl Pebble als erste Uhr mit e-Paper-Display vermarktet wird, stimmt das nicht ganz: Was wir hier sehen, ist ein monochromes LCD-Display, das so wenig Strom verbraucht, dass wir es gerne als e-Paper durchgehen lassen wollen. Im Tageslicht oder bei normaler Raumbeleuchtung ist das Display gut abzulesen, bei Dunkelheit drückt man den großen Knopf auf der linken Seite, der auf dem Bild von meiner praktischen Samstagvormittags-Kleidung verdeckt wird, und das Display wird von hinten beleuchtet. Und zwischen Tag und Nacht, in schummriger Umgebung, soll man sich ohnehin nicht auf die Armbanduhr konzentrieren.

Aber darum geht es gar nicht. Pebble ist eine Smartwatch, eine Verlängerung des i- oder Android-Phones in der Jackentasche. Mit dem Telefon via Bluetooth (quer durch die ganze Wohnung!) und Pebble-App verbunden, zeigt die Uhr an, was sich auf dem Telefon tut. Anrufe, SMSen, Mails, Kalendererinnerungen werden durch ein dezentes Vibrieren am Handgelenk signalisiert, und anstatt das Telefon aus der Innentasche oder den Tiefen einer sehr großen Handtasche hervorkramen zu müssen, guckt der verpebblete Mensch auf die Uhr und weiß, ob es sich überhaupt lohnt, in die Innentasche etc. zu greifen.

Soweit die Idee, und die Idee ist gut, findet einer, der sich morgens und abends während halbstündiger S-Bahnfahrten immer wieder beim Kramen nach dem klingelnden oder piepsenden Telefon wiederfindet – also ich. Die Praxis sieht so aus:

Die Pebble-App selbst bietet (unter Android) derzeit die Anzeige von Anrufen, SMSen, Kalendereinträgen und GMail-Nachrichten an. Zwar gibt es auch die Option, Nachrichten von anderen Mail-Apps anzuzeigen, aber nur, wenn sie als Default-Mail-App angelegt sind. Vielleicht bin ich doof, vielleicht lassen sich nicht alle Mail-Apps als default kennzeichnen; mein derzeitiger Lieblings-Mailer MailDroid jedenfalls lässt das nicht zu.

Kommentar beim Schockwellenreiter
Kommentar beim Schockwellenreiter

Wie erfahre ich dann aber, dass jemand auf meinen Kommentar eines Eintrags des Schockwellenreiter geantwortet hat, wie nebenstehend dargestellt?

Hier kommt die Pebble-API ins Spiel, die schon von Entwicklern weiterer Apps genutzt wird. Ich habe zunächst den Pebble Notifier auf meinem Telefon installiert, eine App, die die Nachrichten beliebiger anderer Apps (also auch von meinem Mailer) auf mein Handgelenk schickt. Es gibt auch andere derartige Apps, aber ich spiele gerade mal seit gestern abend mit Pebble rum (und muß zwischendurch zu Mr. Minit und zur Reinigung und so), kann also noch nicht alle kennen. Neben den Benachrichtigungen – und der eingebauten Steuerung des Musikplayers auf dem Telefon – gibt es schon eine Lauf-App für Pebble, und ich warte jetzt eigentlich auf die Navi-App für Fußgänger, die per Vibration am Handgelenk mitteilt, dass man sich rettungslos verlaufen hat.

Pebble ist im Grunde eine Hardware-Erweiterung von Software, die auf dem Telefon läuft. Sehen wir uns also die Hardware an.

Pebble von hinten
Pebble von hinten

Pebbles Gehäuse ist aus Kunststoff; die, äh, Bildschirmoberfläche ist mutmaßlich kratzfest, aber das habe ich nicht ausprobiert. Sie ist definitiv nicht fingerabdruckfest; Menschen, die Uhrenpolieren als ihr Hobby ansehen, werden glücklich sein. Pebble hat – wie ein Mac der neueren Bauart – ein USB-Ladekabel, das sich mit zwei kleinen Magneten an der linken Seite festsaugt, und es hat vier Bedienknöpfe. Drei davon sind auf der rechten Seite und dienen zum Scrollen durch längere Mitteilungen oder das Pebble-Menu und zum Bestätigen, dass man die Nachricht gelesen hat; der vierte, auf der linken Seite, macht nachts das Licht an und dienst sonst als „Zurück“-Button beim Navigieren durch das uhr-eigene Menu. Die Knöpfe gehen ein wenig streng; ich habe nicht gerade das Gefühl, ein Vorserienmodell am Handgelenk zu haben, aber könnte mir schon vorstellen, dass spätere Serien da eine zeitgemäßere, smoothere Bedienung ermöglichen. Andererseits: Die Jungs hinter Pebble hatten eine Idee, haben sie dank Kickstarter umgesetzt und sind damit den Großen der Branche weit voraus. Da dürfen auch Ecken und Kanten vorkommen.

Zur Software: Pebble erklärt sich nahezu von selbst, nach dem Einschalten fand es sofort ein Firmware-Update, das sich problemlos installieren ließ, über die einfache Pebble-App nehmen Telefon und Uhr problemlos Kontakt auf, und es lassen sich neue Ansichten (es muss also nicht ten thirteen sein) und einige einfache Spiele herunterladen und installieren.

Aber wie das so ist: Man will ja schnell mehr. So wünsche ich mir schon jetzt, einen Anruf nicht nur angezeigt zu bekommen, sondern ihn gegebenenfalls auch wegdrücken zu können; so, wie ich die Beschreibung von Pebble verstanden habe, ist eine derartige Zweiweg-Kommunikation grundsätzlich auch möglich. Nun ja, schalte ich einstweilen die Klingel auf stumm und ignoriere ungewollte Anrufe.

Menschen, die reichlich Mail bekommen, sollten sich überlegen, sie schon auf dem Server vorzusortieren; alle paar Minuten ein vibrierendes Handgelenk zu haben, ist möglicherweise nicht jedermanns Vorstellung von Spaß.

Und jetzt warten wir alle auf den Tag, an dem in Bus und Bahn die Leute wie bekloppt alle paar Minuten auf die Uhr gucken. Und dann anfangen, nach dem Handy zu kramen.

Hinweis: Dies sind erste Eindrücke. Eine Beschreibung des Alltags mit Pebble, incl. Stromverbrauch, Zuverlässigkeit etc, folgt.

3 Gedanken zu „Ein Kieselstein am Handgelenk“

  1. „LCD-Display“ hrm … was sagte mein Meister zu mir in der Ausbildung? „Liquid Crystal Display-Display? Da kann jemand nicht mit dieser Abkürzungen umgehen.“ 😛

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