North by North-East

In Empfehlenswerten Gegenden™ habe ich mich gerne und, wenn’s ging, oft aufgehalten. Und warum soll ich davon hier nicht erzählen? Eben.

Was Sozialisation so ausmacht: Für mich als Bundesbürger Süd war „Meer“ immer „Mittelmeer, Sommer, heiß, baden“. Weil es von München nach Italien schneller ging als an die Nordsee, und weil wir im Winter lieber zum Skifahren in die Berge fuhren. Es musste erst eine Mauer fallen und eine Beziehung zu einer meer-vernarrten Frau entstehen, bevor ich die (ost-) deutsche Ostseeküste entdeckte.

Rot, Gelb, Blau
Rot, Gelb, Blau

Obwohl: Zum ersten Mal war ich schon 1993 („schon“ – ha!) auf Usedom, doch ein verregnetes April-Wochenende war vielleicht nicht der allerbeste Einstieg. So dauerte es bis 2004, dass ich endlich die Ostsee zwischen Kühlungsborn (links, im Frühnebel eines dann strahlend schön werdenden Junitages) und Rerik entdeckte – mit ihrem Charme früher Badeorte, unbedeutender Fischerdörfer und der Spannung zwischen ehemaligen Ferienobjekten der DDR und der durchaus nicht immer geschmackssicheren Hotellerie und Beherbergungsindustrie der 90er und Nuller-Jahre.

Generell lässt sich sagen: Die frühkindliche Prägung, die jahrelang (und auch jetzt noch) in Toscana-Urlauben resultierte, hat sich gewandelt. Jetzt liegt das Meer im Norden, es ist durchaus auch im Sommer nicht immer heiß, und wenn es das ist, fällt das Baden möglicherweise wegen Quallenplage flach, flacher, am flachsten. Und trotzdem fahren wir immer wieder hin, gerne auch dann, wenn man an toscanischen Stränden nur mitleidige Blicke von warm, aber schick eingemummelten Italienern geerntet hätte – außerhalb der Badesaison, mittendrin in der Spaziergeh-, Glühwein- und Tief-Lufthol-Saison.

Zwei Spuren im Sand...
Zwei Spuren im Sand…

Sagen wir es so: Das Mittelmeer ist was für die Warmduscher Lebenskünstler unter uns, die Nordsee eher etwas für den inneren Einzelkämpfer mit fest eingebautem Muschel-Öffnungsmesser. Die Ostsee – halten Sie mich für bekloppt, wenn Sie wollen – bietet eine Kreuzung aus beidem: rauer Charme und doch nicht so durchgepustet.

Beispiel: Eine Radtour am Strand (Tipp aus eigener Erfahrung: Im Sand radelt es sich schlechter als auf asphaltierten Radwegen.), im vorliegenden Fall ausnahmsweise mal östlich von Warnemünde, in Ahrenshoop. Auf derartiges käme man am Strand von Marina di Pietrasanta eher nicht und träfe lieber eine Wahl zwischen Strandspaziergang oder Promenade (incl. Campari-Soda). An der Ostsee, wie ich sie kennen- und liebengelernt habe, ersetzen Sanddornsaft und Pharisäer den Campari und den caffé doppio, und es ist auch so gut so.

Außerdem: Fischbrötchen. Fischbrötchen!!

Es ist tatsächlich so, dass wir in acht Jahren Ostseeerfahrung (Wort mit drei „e“!) nur einen Sommerurlaub dort verbracht haben. Viel öfter waren wir am Wochenende dort, und oft auch zu Zeiten, wo das Andere Ich gerne auch am heimischen Herd geblieben wäre, wäre es nicht von der Frau an der Seite und der inneren (obacht, Wortspiel!) Ostseehnsucht aus dem Haus getrieben worden.

Molli in Heiligendamm
Molli in Heiligendamm

Bekloppt finde ich nur die Namen der Lieblingsziele Kühlungsborn und Rerik – weil sie (also die Namen) ehrwürdigen Dörfern von den Nazis verpasst wurden, die Brunshaupten, Arendssee und Alt-Gaars wohl nicht kernig-nordisch genug fanden.

Die Ostsee hat für den Ex-Münchner und Gewohnheits-Berliner den Vorteil, mit dem Auto in zweieinviertel Stunden erreichbar zu sein; mit dem Zug ging das auch mal, ist aber wg. Bauarbeiten derzeit – mutmaßlich bis Ende April 2013 – nicht so möglich. Und wenn wir schon beim Thema „Bahn“ sind: Natürlich ist Molli, die Schmalspurbahn von Bad Doberan nach Kühlungsborn, eine Touristenfalle ein Touristenmagnet erster Sorte (Hinweis für Michael-Ende-Sozialisierte: Es heißt „der Molli“!). Aber ich kenne keinen, der sich nicht mit einem kleinen seligen Lächeln und angeräuchert von der Dampflok durch die Gegend hätte schaukeln lassen.