Eine Frage der Edition

The Desktop, according to LMDE
The Desktop, according to LMDE

Im Gegensatz zu früher finde ich Betriebssysteme inzwischen ausgesprochen uninteressant. Im Grunde ist es wurscht, ob auf dem Betriebssystem des gerade benutzten Gerätes Windows, OSX, iOS, Android, Ubuntu oder ChromeOS steht; relevant ist inzwischen viel mehr, in welches Ökosystem mich der Hersteller des Betriebssystems oder der Anwendung du jour drängen will, um dort mehr oder weniger uneingeschränkt an verwertbare Daten zu kommen. Betriebssysteme selbst sollen mir inzwischen (im Gegensatz zu früher) vor allem aus dem Weg gehen, keine Arbeit machen, keinen Ärger, und Dankeschön/Aufwiedersehen.

Deshalb wird dies ein eher minderheitenorientierter Eintrag, und er richtet sich vor allem an Ubuntu-Menschen. Alle anderen dürfen weglesen.

Die Sache ist nämlich so: Seit Herbst 2009, also seit fast vier Jahren, verrichtet ein nicht sonderlich muskulöser Minirechner auf meinem Schreibtisch den Dienst als Hauptrechner. Er trat die Nachfolge eines von jetzt auf gleich, dafür aber recht endgültig über die Wupper gegangenen Mac Mini an, er sollte damals nicht viel Geld kosten (sonst hätte ich mir ja wieder einen Mac gekauft), und er arbeitet auch nach vier Jahren noch so, wie er soll: unauffällig. Statt des vorinstallierten, damals frisch erschienenen Windows 7 klatschte ich die aktuelle Version von Ubuntu drauf – man wollte damals noch mehr basteln als heute, nichtwahr – und gut.

Und es begann, etwa nach zwei Jahren, eine gewisse Unzufriedenheit mit Ubuntu – nicht mit der Entscheidung für Unity als Benutzeroberfläche (es ist brauchbar, Aussehen ist ohnehin Geschmackssache und hey, Windows 8!), auch nicht wirklich der gerne kritisierten Versuche des Herstellers wegen, durch Verknüpfungen mit kommerziellen Diensten doch etwas Geld zu verdienen; der Grund der Unzufriedenheit war, dass Ubuntu meinen Sparrechner immer mehr ins Schwitzen und mich immer öfter in eine gewisse Wartestarre verfallen ließ. Bis zu zehn Sekunden zum Öffnen des Dateimanagers – wo sind wir denn? Weshalb ich mich auf die Suche nach weniger leistungshungrigen Alternativen machte.

Zum Selberbasteln eines hochgezüchteten Betriebssystems, womöglich direkt aus dem Quellcode, habe ich vielleicht die nötigen Kenntnisse, aber definitiv weder Zeit noch Lust. Es sollte schon etwas halbwegs Vorverpacktes und schnell zu Konfigurierendes sein.

Linux-Nichtnutzer (Linux-Nichtsnutze?) wissen nicht immer, dass eine Linux-Installation auf dem Desktop aus drei Hauptteilen besteht: dem Betriebssystem selbst, der Benutzeroberfläche und den Anwendungen. Betriebssystem und Benutzeroberfläche, von denen es jeweils unterschiedlich leistungsfähige, aber auch unterschiedlich anspruchsvolle Varianten gibt, können beliebig miteinander kombiniert werden. Und so kombinierte ich lustig vor mich hin: Ubuntu mit Unity (also die Standardausgabe), Kubuntu (mit KDE), Xubuntu (mit Xfce) – und alles ließ mich unzufrieden zurück.

Also guckte ich über den Ubuntu-Tellerrand, ignorierte ungerechterweise alle Linux-Distributionen der RedHat-Welt (also alle, die mit der .rpm-Paketverwaltung arbeiten – mit der hatte ich vor vielen Jahren nicht so dolle Erfahrungen gemacht) und versuchte es ein dreiviertel Jahr mit Sabayon, auch hier wechselweise mit KDE (schick, aber eher langsam), GNOME und Xfce (schneller, aber auch nicht wirklich schnell).

Sabayon ist ein Gentoo-Abkömmling, d.h. es lässt sich, wenn man es will, aus den Quellen selbst kompilieren, was an sich ein rasend schnelles System ergeben sollte. Sabayon ist außerdem ein rolling release-System, was bedeutet, dass es nicht, wie Ubuntu und viele andere, ein- oder zweimal im Jahr neu erscheint und dazwischen nur Sicherheitsupdates bekommt, sondern wöchentlich das Neueste vom Neuen abkriegt.

Tscha. Leider war es so, dass Sabayon schon mit der Installation von vorkompilierten Paketen (die ebenfalls angeboten werden) meinen Sparrechner für Stunden lahmlegen konnte – z.B. wenn das gesamte riesige KDE-Paket in einer neuen Version erschien. Selber kompilieren hätte wahrscheinlich dazu geführt, dass ich den einzigen Rechner der Nachbarschaft habe, der mit dem Updaten des Systems rund um die Uhr ausgelastet wäre. Nicht meine Idee eines brauchbaren Systems.

Hier kommt nun ausgerechnet Linux Mint ins Spiel – „ausgerechnet“ deshalb, weil ich mit der Idee einer Linux-Distribution, die vor allem Ubuntu mit ein paar nicht immer gut umgesetzten Extraideen ist, nie so wirklich warm wurde. Es würde mir – so dachte ich – auf der Suche nach einem einigermaßen laufenden System nicht weiterhelfen, ein ohnehin unrasantes Grundsystem (Ubuntu) mit einigen Extralasten (Mint) auszubremsen. Außerdem ist Linux Mint ein Anbieter, der sich um einen einzigen Menschen, den Franzosen Clement Lefebvre, und eine nicht genauer definierte community von freiwilligen Helfern gebildet hat, also definitiv nicht so gut aufgestellt wie Ubuntu, hinter dem eine ganze Firma und ein freigiebiger Milliardär stehen.

Nun bietet Linux Mint neben der halbjährlich erscheinenden Ubuntu-Kopie auch eine sogenannte Debian Edition an. Und da wird es interessant.

Debian ist – was manchmal in Vergessenheit gerät – die Grundlage von Ubuntu. Debian ist eine stocksolide, konservative, man könnte auch sagen: langweilige Linux-Variante, die gerade deshalb gerne dort eingesetzt wird, wo es nicht auf die allerneueste Software und den meisten Klimbim ankommt, sondern darauf, dass ein Rechner ruhig und zuverlässig vor sich hinläuft. Debian gibt es ebenfalls in mehreren Ausgaben – von stable (und gerne mal schon zwei Jahre alt) über testing (mit neueren Bestandteilen, die aus Sicht der Debian-Macher noch nicht reif sind, um in die stable-Version aufgenommen zu werden) bis hin zu unstable – das ist in etwa der Entwicklungsstand, auf dem sich so junge Hupfer wie Ubuntu herumtreiben, also durchaus brauchbar, aber eben nix für die Erwachsenen.

LMDE (Linux Mint Debian Edition) baut nun auf dem testing-Zweig auf, bietet also Softwarepakete, die nicht immer ganz taufrisch sind. Eine Ausnahme macht es bei Firefox und Chromium – seit die auf schnelle Veröffentlichungs-Takte umgestellt haben, ist auch das jeweilige LMDE-Package nur eine oder zwei Wochen hinterher. Und im Übrigen ist LMDE ebenfalls ein rolling release, die halbjährliche Vorfreude auf ein neues Softwarepaket fällt also weg (oooh), das halbjährliche Update-„Fest“ aber auch (uff!).

Was soll ich sagen am Ende dieses langen „Was bisher geschah“? Nach vier Wochen im  Einsatz kann ich LMDE als flottes, stabiles, eben (endlich!) brauchbares System nur empfehlen. Die vielen lustigen und oft auch praktischen Dinge, die es für Ubuntu & Co. gibt, laufen hier nicht (oder nicht immer), aber ich habe auch auf nichts Wesentliches verzichten müssen. Deshalb: Empfehlung für alle, die mit ihrem Ubuntu wie ich nicht so restlos zufrieden sind: mal Linux Mint Debian Edition angucken, von der Live-DVD oder dem Live-USB-Stick aus testfahren und vielleicht sogar installieren.

Der Screenshot ganz oben zeigt übrigens, dass – wie im ersten Absatz schon so steil behauptet – Betriebssysteme in Zukunft weniger wichtig sein werden als das, was ich „Ökosysteme“ nenne: Wir sehen Google Chrome mit zwei separaten App-Fenstern (Google Keep, die doch nicht so nutzlose Notizen-App, und Google Hangouts als Skype-Ersatz). Und auch außerhalb des Googleversums gibt es solche Tendenzen zu beobachten: Mozilla arbeitet im Vorfeld des mobilen Betriebssystems FirefoxOS ebenfalls an einem App Store, der browserbasierte Apps vor allem, aber eben nicht nur für Mobilgeräte anbieten soll.

Nur zum Beweis, dass LMDE auch noch was anderes kann als ChromeOS zu imitieren, habe ich das Grafikprogramm GIMP gestartet und drübergelegt.

Und wer sich jetzt tatsächlich die Mühe macht und meine Notizen zu entziffern versucht: Die vierstelligen Zahlen neben den verschiedenen Bier- und Wassersorten unter „Getränkedienst“ sind keine Mengenangaben, sondern die Bestellnummern.

11 Gedanken zu „Eine Frage der Edition“

  1. Lustig, habe vor ein paar Wochen meine Netbookliason mit easy peasy (eh ein doofer Name) beendet und bin bei Mint gelandet und sehr zufrieden. Allerdings in der Ubuntu Version.

  2. Weder noch, das gute und inzwischen schon fast alte Eee 1000H. Wie gesagt, ich bin zufrieden. Ist flott, sieht gut aus, macht was es soll… auch Spotify Musik per Bluetooth streamen … daran war EP letztlich gescheitert.

  3. Ich weiß gar nicht ob ich das hier sagen darf. 😉 Aber ich benutze ein debian stable (wheezy) mit wdm als displaymanager (Anmeldemanager) und dem Fenstermanger windowmaker (wmaker) nach Anmeldung liegt der Speicherverbrauch bei 60 MB nach dem ich preload laufen habe bin ich bei 76 MB(htop). Die Kiste läuft super schnell, dafür ist aber ein bisschen Handarbeit angesagt.
    Den Artikel finde ich aber super, da ich dadurch auch mal was von anderen Systemen erfahre ohne das ich sie ausprobieren muss. 🙂

    • Wenn die Handarbeit nicht wäre, hätte ich mich vielleicht auch an Wheezy gewagt. Aber gerade in den letzten Wochen brauchte ich den Heimrechner fast jeden Tag in working condition, und da war mir das vorverpackte Debian von Linux Mint weniger unheimlich.

  4. Hallo Konstatin,
    Bei mir ist es genau umgekehrt, weil ich immer nicht weiß was die dort an Vorkonfigurationen gemacht haben.
    Bei Debian gibt es ja noch die Methode „Automated install“ kann man auch wählen wenn man eine Alternative Desktop Umgebung gewählt hat, ich denke das wäre vielleicht was für dich. Falls du zeit und Lust hast kannst du das ja mal in einer vm ausprobieren. Es gibt aber ein Aspekt auf den man achten sollte wenn man verschlüsselt installieren möchte, wegen Diebstahl Sicherung, denn Debian schreibt bzw. löscht ähnlich wie das Tool wipe den gesamten Bereich der verschlüsselt werden soll. Da kann dann eine Installation mit einer 500GB platte mal eben 32 std dauern, wie bei mir. Aber ich würde mich wahrscheinlich wie du verhalten wenn ich Debian nicht kenne und jeden Tag damit arbeiten müsste. Deshalb konntest du diesen Interessanten Artikel schreiben. 🙂
    viele Grüße

    • So, das aktuelle Projekt ist abgeschlossen, und ich bin nicht mehr so auf den Rechner angewiesen. Heisst das, dass ich ihn jetzt plattmachen und Wheezy installieren soll?

      Da gab es doch mal den Satz „Never touch a running system“ oder so…

      • Hallo,
        So ist es recht, Ändere nie ein laufendes System 🙂
        Soll Wheezy installieren == soll nicht natürlich 🙂
        Aber wenn du Spielkind bist so wie ich das früher war dann wird dir dein Spieltrieb die Entscheidung abnehmen.
        Ist aber vielleicht auch eine Tolle Idee, darüber eine Artikel zu schreiben „Wheezy Installationsbericht“.
        Dann kriegen Leute wie ich auch mal eine andere Sichtweise mit, weil ich in Bezug auf Debian ja eh ne Rosa Brille auf ab 🙂

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