Ei Google!

Unter dem Titel „I Robot“ porträtiert die New York Times den Mann hinter dem Google Phone, dem next big phone nach dem iPhone. Und obwohl das Produkt offiziell gar nicht existiert, und obwohl keiner weiß, ob das gPhone nun ein Produkt zum Anfassen und Fallenlassen oder doch wahrscheinlich nur eine Funkquatschen-Software sein wird: Andy Rubin ist übercool:

A retinal scanner emitting a blue glow monitors the entrance to Andy Rubin’s home in the foothills overlooking Silicon Valley. If the scanner recognizes you, the door unlocks automatically. (The system makes it easier to deal with former girlfriends, Mr. Rubin likes to joke. No messy scenes retrieving keys — it’s just a simple database update.)

Those forced to use the doorbell are greeted with another technological marvel: a robotic arm inside the glass foyer grips a mallet and then strikes a large gong. Although Mr. Rubin won’t reveal its cost, it may be one of the world’s most expensive doorbells.

Nun ja, vielleicht auch nur überverspielt. Aber aus diesem Satz spricht, wenn wir ehrlich sind, der pure Neid auf einen, der seine Ideen, wie wirklich relevant sie auch sind, einfach verwirklicht, statt ihnen sehnsüchtig nachzuhöngen.

Der NYT-Artikel führt ebenso wie die schon lange andauernde, auch hier stattfindende Diskussion über Googles Datensammelei, ethisches Verhalten und internationale Geschäftspolitik (Zensur in China), zwangsläufig zu ungeordnetem Nachdenken über „unser aller Lieblings-Suchmaschine“, wie ich Google in einem längst verschollenen (deshalb auch kein Link) Weblog-Eintrag irgendwann zwischen 2001 und 2003 genannt habe.

Google ist ein Faszinosum (Ph. Jenninger – erinnert sich eigentlich noch einer an den?). Google ist als Suchwerkzeug so leistungsstark, dass auch der datenschutzbewusste Mensch es gerne nutzt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was seine Suchen über ihn aussagen („geile Kindermädchen mit iPhone?“ – nur so’n Beispiel…). Google hat so coole WebApps (gMail, Google Kalender, Google Apps und auch der Google Reader, dem ich meinen Überblick über Klein-Bloggersdorf verdanke), dass der technikbegeisterte alte Zausel™ sie mit Begeisterung nutzt, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen, dass er mit jeder Nutzung Datenspuren hinterlässt, die für sich nahezu bedeutungslos sind, im Ganzen (Statistik war nie mein Ding!) jedoch Erstaunliches verraten.

Google beruft sich immer noch auf das Firmenmotto „Don’t Be Evil“ (Sei nicht böse), was so ziemlich in jeder Diskussion zu beziehungsreichen Formulierungen führt und im Übrigen für Google-Kritiker längst nur noch eine Lachnummer ist. Eine Selbstverpflichtung, die noch nicht mal in den License Agreements festgehalten ist? Ha!

Ja, Google macht das alles (Suchwerkzeug, Google Apps, gPhone) kaum aus reiner Menschenfreundlichkeit. Google ist seinen Anteilseignern und Mitarbeitern gegenüber verpflichtet, Profit zu machen, und hat funktionierende Netzwerbung als Mittel zum Zweck entwickelt. Google ist aber auch uns, den Nutzern gegenüber zum Erfolg verdammt, denn ginge es pleite, hätten wir eine Lieblingssuchmaschine weniger, und gerade die, an die wir uns so sehr gewöhnt haben, dass Menschen URIs gewohnheitsmäßig in die Google-Suchzeile eingeben, statt in die Adresszeile des Browsers (OK, dämliches Beispiel). Oder, wie Josh McHugh schon im Januar 2003 in Wired geschrieben hat:

The world’s biggest, best-loved search engine owes its success to supreme technology and a simple rule: Don’t be evil. Now the geek icon is finding that moral compromise is just the cost of doing big business.

Ich unterschätze monopolnahe Marktpositionen und ihre Gefahren nicht (hallo Microsoft!). Ich habe aber gleichzeitig schon lange gehegte grundsätzliche, um nicht zu sagen fundamentalistische Positionen über die Offenheit der Informationsgesellschaft aufgegeben, als ich als Linux-to-Mac-Konvertit ein offenes gegen ein sehr geschlossenes Betriebs- und Ökosystem eingetauscht habe – aus puren praktischen Erwägungen. Und ich unterschätze auch nicht die Kraft, die Firmenethik und die damit einhergehenden Leitbilder und Selbstverpflichtungen im 21. Jahrhundert haben.

Weshalb ich Google gerne auch im nächsten Jahr noch den benefit of the doubt gebe, aber auch genau hingucke, was Google so treibt.

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