Die stille Schönheit der Kommandozeile

Es war alles umsonst. Die Bemühungen ungezählter Programmierer, die Inspirationen von tausenden und abertausenden von Grafikern, die endlosen Diskussionen von meist selbsternannten usability-Experten, das gigantische Ringen um die perfekte Benutzeroberfläche – alles vergessen, als er zum ersten Mal den blinkenden Cursor eines CLI (command line interface) anstarrte und nicht den leisesten Schimmer hatte, was nun zu tun sei.

Zen oder die Kunst, mit der Kommandozeile zu arbeitenZugegeben: Allein diese Vorstellung hatte mit der Realität nichts zu tun, denn er hatte seinen ersten Computer zu einer Zeit, als es außer der Kommandozeile nicht viel gab. Doch Jahre mit Windows, KDE, GNOME und zuletzt der Oberfläche von OSX hatten ihn vergessen lassen, dass all dieser Tand, dies hübsche Blendwerk ihm, dem Joe Sixpack der User, die Angst vor all dem düster leuchtenden Gemache und dumpf dröhnendem Gerumpel im Souterrain eines Computers nehmen und die schon einmal angesprochene usability erhöhen sollte – beides aber in allzu vielen Fällen nicht auch nur annähernd erreichte.

Die Kommandozeile gibt es auf jedem Rechner. Auf Windows- wie auf UNIX-artigen Rechenmaschinen (zu letzteren dürfen wir auch Linux-PCs und Macs rechnen) lässt sich ein Fenster zur Eingabe von Befehlen auf der Kommandozeile öffnen. Und was ihn (also den Typen aus den ersten Absätzen) besonders erstaunte: Auch auf entfernten Servern, also den Dingern, unter deren Haube man eigentlich nie blicken durfte, (weshalb Massenprovider auch hier schicke, meist webbasierte Fensterwelten installieren), darf sich auch ein Laie im begrenzten Umfang mit der Kommandozeile amüsieren.

Im vorliegenden Beispiel (s.o.) sehen wir, wieviel Platz der Autor dieses auf einem BSD-Server im fernen Texas schon einnimmt (nicht viel), und wie aufgeräumt es im html-Verzeichnis dieses Servers aussieht (das täuscht). bluelectric.org ist auf diesem Server zuhause, und während die inhaltliche Verwaltung durch das bunte Interface von WordPress schon sehr windowisiert ist (was aber die Nutzung dieses Tools erst möglich macht, will man nicht direkt in die Datenbank schreiben – ein schauderhafter Gedanke!), findet die Verwaltung des Servers bis hin zur Erledigung der Post doch ausschließlich auf der Kommandozeile statt. Der Sinn des Ganzen: Den Server im Rahmen einiger weniger Regeln so nutzen, wie es einem passt, und dabei lernen, lernen, lernen.

Und das geht so:

Einen einfachen sogenannten shell account gibt es bei den (meist) freundlichen Menschen der Super Dimension Fortress umsonst. Der Neuling öffnet einfach ein Kommandozeilenfenster (oft auch einfach Konsole oder Terminal genannt) und tippt ein:

telnet sdf-eu.org

„Telnet“ ist ein Protokoll zur textbasierten Verbindung mit einem entfernten Rechner. An sich gilt es als überholt, da sämtliche Information im Klartext, also unverschlüsselt übertragen wird. Zur Neuanmeldung wird es bei SDF aber noch verwendet. sdf-eu.org ist die Adresse für Nutzer aus Europa; Amerikaner sind bei sdf.lonestar.org angemeldet.

Der Server reagiert (manchmal langsam) mit der Aufforderung, einen Usernamen einzugeben. Da der Neuling neu ist, gibt er an dieser Stelle „new“, drückt die Enter-Taste ein und löst damit den Anmeldeprozess aus.

login: new

Nach einer entsprechenden Aufforderung geht es mit einem weiteren Druck (hey, hier klickt keiner!) auf die Enter-Taste zum eigentlichen Anmeldeprogramm. Das stellt einige neugierige Fragen – beispielsweise die, ob man Window-User sei. Mit „mkacct“ („Make account“) wird dann der neue Account erstellt

FEP Command: mkacct

Es folgt eine Warnung:

PLEASE READ THIS CAREFULLY:

You are about to create a UNIX shell account. This account may be unlike anything you’ve used before. We urge you to carefully read all the text displayed on your terminal, as it will aide you in your learning. We also encourage you to try all the commands available with your new account. There are many types of games, applications and utilities you will be able to instantly run in just a few moments. If you are looking for a particular command or version of a command that we do not have, there are ways to request that it be installed. We also offer DIALUP access in the USA and Canada which you will be able to learn about shortly. Be patient, read what is displayed – Explore and Enjoy!

Mit der Enter-Taste (die hier als RETURN bezeichnet wird) geht es weiter. Es folgen Fragen nach dem gewünschten Login, dem Passwort, dem vollen Namen und einigen weiteren Dingen. Als Antwort wird entweder eine Texteingabe, gefolgt von der Enter-Taste, oder die Wahl zwischen ja und nein (yes oder no) erwartet:

Do you use Analogue, ISDN Dialup or DSL? (y/n) YES

Zuletzt werden die Daten des künftigen Accounts noch einmal dargestellt, und der User muss sich entscheiden:

Create this account? (y/n)

Und das wars dann auch schon. Der User hat damit ein Login für SDF (user), eine Email-Adresse (user@sdf.lonestar.org) und (nach der Validierung des Accounts) sogar schon eine Adresse für eine kleine Website (http://user.freeshell.org). Besagte Validierung soll sicherstellen, dass tatsächlich ein Mensch den Account erstellt hat nicht etwa ein ausgefuchster Spambot; hierzu muss dieser Mensch einen kleinen Geldbetrag, beispielsweise per PayPal, an die SDF-Betreiber schicken.

Der nächste Login findet dann schon verschlüsselt statt. UNIX und Unixoide tippen dazu in ihre Kommandozeile

ssh user@tty.freeshell.org

ein. Windows-User haben hier die erste Hürde zu überwinden: ihre Kommandozeile unterstützt ssh nicht; ein Freeware-Programm wie PuTTY hilft hier aber weiter.

Mutt - ein bunter HundMit einem der auf dem Server installierten Mailprogramme für das Terminalfenster kann der neue SDF-User dann seine erste Post in seiner neuen Mailbox lesen – wobei dieser Beitrag an dieser Stelle ein wenig mogelt, denn der abgebildete Mail-Client Mutt ist nicht so leicht (dafür abe viel schneller) zu bedienen wie das ebenfalls installierte Pine, und in der dargestellten Form wurde Mutt außerdem heftig konfiguiert. Dazu aber ein andermal mehr. Die hier abgebildete Mail ist übrigens eine Original-Begrüßungsmail, wie sie seit 1996 an jedes neue Mitglied verschickt wird.

Außer Mail erledigen und sich mit der neuen Umgebung vertraut machen kann ein einfacher User noch ziemlich wenig. Die SDF-Community kennt eine ganze Reihe von Mitgliedsstufen, die je nach gewünschtem Funktionsumfang unterschiedlich teuer sind. Die erste Stufe, die jeder ernsthafte Interessent nehmen sollte, ist die der sogenannten ARPA-Mitgliedschaft. Die kostet einmalig $ 36 und gilt ein Leben lang (was sich auf das Leben der immerhin schon 20 Jahre alten Gemeinschaft bezieht, nicht auf das des Mitglieds). Mitgliedschaften erwirbt man einfach, indem man die entsprechende Gebühr per Kreditkarte, Scheck (??) oder PayPal entrichtet.

Noch ein Wort zum Thema „Gemeinschaft“: SDF als Vereinigung von Profis, Fans und Hobby-Usern erlaubt wildfremden Menschen mehr als die meisten kommerziellen Provider. Damit aber die anderen Mitglieder (es sollen übrigens rund 30.000 sein!) nicht unter dem legalen oder technischen Fehlverhalten eines Einzelnen zu leiden haben (wobei es egal ist, ob das Problem durch Unkenntnis oder bösen Willen entsteht), achtet sie sehr auf Wohlverhalten. Zuwiderhandelnde werden schlicht rausgeschmissen. Und mit Recht.

Demnächst mehr aus der Super Dimension Fortress an dieser Stelle.