Die Likevolution

Frühjahrserkältung wegschlafen, Arztbesuch, wg. Bronchitis liegenbleibende Arbeit remote neu organisieren bzw. delegieren – irgendwie komme ich heute nur verzögert dazu, meinen täglichen Guglrieder abzuarbeiten. Und heissa (fjalla, jökull?), geht es da heute wieder rund.

Nun ist es also Facebook, das wie ein rolliger Kater das Web als sein Revier markiert, indem es überall „Like“-Buttons hinpinkelt verteilen (lassen) will und damit, d.h. mit dem damit erworbenen Wissen über das Surfverhalten von John D. Average User Google als Datenkrake vom Dienst ablösen will.

Aha.

Gut. Nun kann es ja sein, dass die diversen verkleben Nasen- und anderen Nebenhöhlen mein gewohnt brillantes Denkvermögen auf das Niveau von, sagen wir: Windows Vista gedrückt haben. Aber weder die Begeisterung noch die kritische Panik will sich so recht bei mir einstellen.

Geneigte Leser, die nicht nur im Feedreader mitlesen, sondern gelegentlich auch auf Webseiten vorbeikommen, haben sicher – nicht nur hier – schon in der Vergangenheit diese kleinen Kästchen mit Passfotos Avataren anderer Leser gesehen. Drüber steht „Facebook“, und auf dem klickheischenden Knopf stand früher „Ein Fan werden“; heute steht da „Gefällt mir“.

Funktionell scheint mir der einzige Unterschied zu den jetzt propagierten „Like“-Buttons erst einmal zu sein, dass man besagte Buttons für jede Webseite setzen kann, also sich nicht mehr durch den etwas mühsamen Prozess der Erstellung einer Facebook-Fanpage durchwuseln muss. Ab sofort ist jede Webseite mit Like-Button ein Facebook-Objekt.

Doll. Aber auch wieder nicht so wahnsinnig spannend. Hat die bisherige Funktion des Fan-werden-müssens (mal von der bekloppten Benennung abgesehen) das Web revolutioniert?

Dann: Auch Google hat sowas. Wenn ich noch einmal die Blicke in die rechte Spalte lenken dürfte… Zwei Kästchen über der Facebook-Bildergalerie findet sich – unter der Überschrift „Friends’n’Neighbors“ ein ganz ähnliches Kästchen, das nun aber nicht auf Faceboook Connect (wie es vor der derzeit laufenden Revolution hieß) beruht, sondern auf Google Friend Connect (das es etwa genauso lang gibt wie Facebook Connect, aber weniger erfolgreich blieb, weil Google böse ist, während Facebook bisher nur benutzerfreundlich war. Oder so.). Die Google-Lösung ist übrigens offener als die Facebook-Lösung, weil sie neben Google-Accounts auch Twitter-Accounts, AOL-Accounts (??) und sogar OpenID akzeptiert. Eat this, Facebook.

(BTW: Ich freue mich in beiden Fällen, Facebook wie Google Friend Connect, wenn jemand diese Seiten so lesenswert findet, dass er sein Bildchen mit einem Mausklick draufsetzen will.)

Und schließlich: Ob Facebook dadurch Google an die Wand drückt, dass es künftig weiß (oder auch nicht, denn der „Like“-Zwang ist m.W. noch nicht gesetzlich verankert), was die Leute mögen, ist mir auch noch nicht so klar. Wenn Google alle Inhalte kennt, Facebook aber die Meinung der Leute dazu, dann kommt mir der alte Dualismus des deutschen Rundfunksystems in den Sinn (Vorsicht, folgt schiefe Analogie!): ARD und ZDF sind für die Inhalte zuständig, RTL und SAT1 für redaktionellen Populismus populäre Sendungen (Ausnahmen bestätigen auf beiden Seiten die Regel). Bisher hat keine von beiden Seiten der anderen wesentlich die Luft abgedrückt. Und so wird es auch zwischen Google und Facebook bleiben.

Nee, die eigentliche Frage bleibt: Mit wievielen persönlichen Daten bezahle ich meine soziale Vernetzung im Internet? Und diese Frage darf jeder mal eben für sich persönlich beantworten.