Die Annäherung

In der Software-Hauptstadt Unterschleißheim
In der Software-Hauptstadt Unterschleißheim

Tempora mutantur, et nos mutamur in illis. Womit ich mich in die Tradition von Franz Josef Strauss gestellt hätte, der auch gerne lateinische Zitate verwendete, um seine Gegenüber zu verwirren, seine humanistische Bildung (z.T. am gleichen Gymnasium erworben wie ich!) unter Beweis zu stellen, oder aus welchen Gründen auch immer.

Inwieweit ich mich mit meinen Zeiten verändert habe, ist diesem Text von der Leserseite aus (also von Ihrer) nicht sofort anzusehen. Beim Schreiben blicke ich aber auf den Bildschirm eines Rechners, auf dem Windows 10 läuft, und in der Taskleiste (oder wie das bei Windows heißt) ist auch das eine oder andere Icon eines Microsoft-Programmes (oder einer dito App) zu sehen. Und ich fühle mich dabei noch nicht einmal so unwohl, wie ich das von mir als langjährigem Linux-User erwartet hätte: Nach meinen bisherigen Erfahrungen ist Windows 10 ein ausgereiftes Betriebssystem, besser zu administrieren als Windows XP (das letzte Windows, bei dem ich das versucht hatte) und wesentlich besser zu bedienen als Windows 8 (das Windows, mit dem ich den Laptop gekauft hatte). Und das allgemein verbreitete Gemunkel über das Spionagesystem Windows? Sowas soll es woanders auch geben, und während Microsoft nicht gerade übertransparent zu der Sache steht, lässt sich Windows doch so einstellen, dass der Mensch damit leben kann. Also: Verdammt, nun macht endlich dieses Windows 10 Upgrade!

Aber darum ging es bei meinem Redaktionsbesuch gestern in Unterschleißheim bei München ja gar nicht.

Ja, Redaktionsbesuch. Mein Arbeitgeber hat einige Kollegen aus Vertrieb und Onlinewelt und mich zur Deutschland-Redaktion von MSN geschickt. Die Gespräche waren erfreulich, offen und was Gespräche sonst noch so sind, wenn sie gut verlaufen. Und ich habe mir wirklich Mühe gegeben, meine Überraschung hinter einem freundlichen Gesicht zu verstecken. Denn: MSN?

MSN war mir zum ersten und so ziemlich zum letzten Mal irgendwann in der zweiten Hälfte der 90er Jahre als journalistisches Angebot über den Bildschirm gelaufen. Damals war „Online“ vor allem, was Anbieter wie AOL, CompuServe (erinnert sich noch jemand daran?) oder auch die Deutsche Telekom auf eigenen Systeme bereitstellten, und in dieses Internet führten nur gut versteckte Hintertüren in den jeweiligen Angeboten. MSN war damals Microsofts Versuch, den Vorsprung vor allem von AOL aufzuholen und die Technik so gut in Windows einzubauen, dass auch Neulinge im Neuland (das es damals wirklich noch war) sich nicht verliefen.

Das letzte Mal, dass ich von MSN hörte, war irgendwann um 2004, als mein damals 78jähriger Onkel seine MSN-Mailadresse gegen eine bei Yahoo eintauschte.

Und bei Microsoft in Unterschleißheim lernte ich nun, dass MSN immer noch existiert – und Zuschauerzahlen hat, die einem die Tränen in die Augen treiben können. Denn MSN ist mit seinen redaktionellen Angeboten auf der Startseite des Internet Explorer, auf der des neuen Edge-Browsers (nur echt verfügbar in Windows 10) und in allen möglichen Apps vertreten.

Nur die Sache mit dem mobilen Netz, die uns ja von allen Seiten gepredigt wird, und die meine Kollegen und ich bei der täglichen Arbeit ständig im Kopf haben, die hat in der MSN-Welt einen anderen Stellenwert – was nicht an MSN liegt und auch nicht daran, dass die Verantwortlichen sie für unwichtig halten. Der De-Facto-Ausstieg von Microsoft aus dem Geschäft mit Mobiltelefonen zeigt aber: Microsoft ist desktop-orientiert, wie schon immer.

Und wer weiß, wie Tante Erna andere ins Netz gehen (gerne mit dem vorinstallierten Browser) und wie sie sich das Netz personalisieren (gar nicht), weiß auch, was andere beim ersten Schritt des Tages ins Netz sehen: MSN. Und nicht SParGEL online, ein Feedreader oder gar Slashdot (doch, das gibt es auch noch).

Nur wir störrischen Firefox- und Chrome-User, von den beinharten Fällen mit den anderen Betriebssystemen ganz abgesehen, wir kriegen natürlich wieder nichts mit.

2 Gedanken zu „Die Annäherung“

  1. The methods Microsoft is using, particularly the X button switcheroo, are but stupid, and actually I don’t see why nobody at Microsoft is able to foresee the damage actions like this are doing.

    After the Snowden revelations, Google immediately recognized the danger of losing the trust of customers, and acted accordingly. Apparently, Microsoft still has some learning to do.

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