Die Angst des Journalisten

Ich bin – regelmäßige Leser werden es wissen – gelernter Journalist. Ich arbeite für eine Anstalt der ARD. Und mein Fernsehdirektor liest hier mit. So gesehen, ist es vielleicht nicht die beste Idee, an dieser Stelle von meiner Ratlosigkeit zu schreiben.

Die Sache ist nämlich so: Seit einigen Monaten beschäftige ich mich beruflich mit der Verbesserung der Art und Weise, wie mein Sender TV-Beiträge jenseits des Fernsehens, also nicht im laufenden Programm, verwertet (in der zuständigen Arbeitsgruppe haben wir uns auf die Formulierung „IP-basierte Ausspielwege“ geeinigt, aber „Fernsehen jenseits des Fernsehens“ klingt einfach weniger technisch). Das macht mein Sender – wie jede andere ARD-Anstalt und das ZDF auch, aber im Gegensatz zu diesen auf einer anderen, recht soliden gesetzlichen Basis – schon seit Jahren, aber es gibt wenig, was sich nicht verbessern ließe. Das also ist mein Job, und deshalb denke ich beruflich über old media und new media nach – ohne diese Begriffe mehr als einmal pro Woche zu verwenden.

Heute vormittag also saß ich im Flieger von Berlin nach Bonn. Vor mir saß einer, mindestens zehn Jahre jünger als ich, und arbeitete die Süddeutsche von vorne bis hinten durch – old media. Hinter ihm saß nun ich mit meinen 51 Jahren und guckte auf dem iPod die Tagesthemen von gestern abend, zwei Podcasts meines Arbeitgebers und die aktuelle Folge des Elektrischen Reporters. New media. Und was hatte ich davon?

Aus der Welt der Massenmedien ist eine der Medienmassen geworden. Das Internet hat die ökonomische Basis von Medien und Journalismus auf den Kopf gestellt: Nicht mehr Berichterstattung ist ein rares Gut, sondern die Aufmerksamkeit des Publikums. Das hat schwerwiegende wirtschaftliche Folgen: wegbrechende Auflagen und Anzeigenerlöse können Verlage nur zu einem geringen Teil durch Online-Werbung kompensieren.

Wie also soll Journalismus künftig finanziert werden?

Zong. Ich schätze den Kollegen Sixtus ohnehin schon und fast ohne dass er was dafür tun muss, aber die oben verlinkte Folge hat mich

  1. gewaltig zum Nachdenken gebracht und
  2. froh sein lassen, dass mein Arbeitgeber zum öffentlich-rechtlichen System gehört und in der beneidenswerten Lage ist, ernsthaften Journalismus nicht nur machen zu können, sondern zu müssen.

Was aber ist mit den weniger beneidenswerten Kolleginnen und Kollegen, denen es noch nicht einmal mehr nützt, nach der Quote zu schielen und mit reality scheiss ihr Geld zu verdienen zu versuchen? Micropayments, Journalismusstiftungen und all die anderen Geschäftsmodelle, die Sixtus so auflistete? Phhrlrlrlrlrlhhhh…

Den Gedanken, was wohl los wäre, wenn echte Fernsehbeiträge, so mit gutem Bild und gutem Ton, mit anständigem Schnitt und einer Geschichte, die erzählt werden will, wenn also solche Beiträge den Sprung aus dem Fernsehen heraus und ins Netz hinein nicht mehr schaffen, weil süße Katzen, grausige Unfälle und naked people wirklich das einzige sind, was der Medienkonsument 2.0 will – diesen Gedanken verdränge ich erst einmal.

So, jetzt habe ich den Faden verloren… Ach nee, da isser wieder. Gehen wir nochmal auf Anfang:

Aus der Welt der Massenmedien ist eine der Medienmassen geworden.

So ein Satz hat es in sich, auch wenn er von einem schwarz-weißen Hornbrillenträger betont hölzern aufgesagt wird (Mario, sag, dass diese Sprechweise Absicht ist, bitte!).

Dass die Zeit der Massenmedien vorbei ist, ist natürlich Quatsch. Was Geschichte ist, ist der hierarchische Medienfluss. Er wird durch einen reichlich anarchischen Medienstrudel ersetzt: jeder konsumiert, was er will, wann er will, und wenn er will, produziert er auch. Soweit, so demokratisch.

Beruflich (s.o.) mache ich mir Gedanken, wie mein Arbeitgeber, der wie alle anderen Medienunternehmen aus dem Strom in den Strudel geraten ist, in diesem Strudel weiterhin an der Oberfläche bleibt. Der private Journalist in mir dagegen – und das ist der eigentliche Grund für diesen Riemen – macht sich über das Überleben bzw. Nicht-Überleben von Medienunternehmen keine Gedanken. Schließlich ist das mein Job, und mein Arzt hat mir – ernsthaft! – empfohlen, nach Dienstschluß abzuschalten. Der private Journalist macht sich also – ernsthaft! – Gedanken darüber, nicht wie die Medien fit für die neue Herausforderung zu machen sind, sondern wie die Konsumenten sich darauf einstellen können – und müssen, wollen sie auch in Zukunft noch Journalismus haben, der diesen Namen verdient.

Denn, liebe Zweinuller, selbstgeschossene Videos sind nur ein Teil des Journalismus 2.0. Meinungsstarkes Geblogge (sofern es überhaupt stattfindet) ist nur ein Teil d.J. Über Wikileaks aufgedeckte Skandale sind nur ein Teil d.J. Und Katzenvideos sind überhaupt kein J.

Heute vormittag, an Bord von LH 272, kam ich mir mit meinem iPod schon sehr slick vor im Vergleich zu dem Papiertiger in der Reihe vor mir. Aber ich habe mir doch Gedanken über den jeweils erreichten Grad an Informiertheit gemacht (letztendlich habe ich gewonnen!). Und ich mache mir nichts vor: In den Sendungen von Tagesschau, ZDF und Deutscher Welle steckt eine Menge Arbeit, die erst einmal bezahlt werden will. In den Feeds, die ich täglich im Guglrieder scanne, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, steckt eine Menge Arbeit. Diese Arbeit wird von Profis geleistet, und diese Profis wollen dafür bezahlt werden. In diesem Zusammenhang ist besonders bedenklich, was Sixtus‘ Gesprächspartner zum politischen Journalismus zu sagen haben: schlechtes Werbeumfeld, schwer zu finanzieren.

Die Medienmassen, die Sixtus so schön gegen die Massenmedien stellt, können das, was wir bisher Journalismus nennen, nicht ersetzen. Bereichern – ja, das können sie, unbedingt. Aber wer glaubt, dass nur der Journalismus von unten zählt, und dass er ausreicht, um ein umfassendes Bild der Welt zu bekommen, bleibt – bildlich gesprochen – auf der Ebene der Katzenvideos. Journalismus in einer Demokratie, ja, Demokratie an sich sieht anders aus.

I can has newz, plz? Kthanxbye.