Die Andere Toscana

In Empfehlenswerten Gegenden™ habe ich mich gerne und, wenn’s ging, oft aufgehalten. Und warum soll ich davon hier nicht erzählen? Eben.

Toscana ist, wenn der mit einem Baedeker bewaffnete Bildungsreisende auf der Piazza Hartweizen-Cantucci in den Bio-Vin Santo tunkt, wenn Joseph Martin Fischer grinsend um die Ecke schlendert, wenn der Kanister Olivenöl leise im Kofferraum vor sich hin köchelt und jeder Abend ein Kalenderblatt für sich ist.

Oder auch nicht. Meine Sicht auf die Toscana ist urwüchsiger.

Alpe Apuane

Ich verdanke sie im Grunde meinem Ururgroßvater, der schon im vorletzten Jahrhundert in diesen nördlichen Zipfel der Toscana, nach Forte dei Marmi, zum Baden kam und – Maler, der er war – sich bei den örtlichen Honoratioren unbeliebt machte, weil er sie zu realistisch malte. Meine Großmutter kam als junge Frau hierher, nicht um zu malen, sondern um zu baden, mein Vater kam… you get the picture. Tatsache ist, dass ich vom 10. Lebensjahr bis zum Umzug in die USA Mitte der 90er immer wieder hier war – und nach ein paar Jahren Pause seit letztem Jahr wieder.

Versilia heißt der Küstenstreifen zwischen Massa im Norden und Massaciúccoli (Aussprache üben!) im Süden, bietet über weite Strecken handgesiebten und entsprechend zu bezahlenden Badestrandsand und ist dem Tourismus verfallen. Wer als Tourist in schöne Gegenden der Welt reist, sollte sich darüber nicht zu sehr lustig machen – You’re part of the problem! -, sondern die Sache genießen. Besonderes Kennzeichen der Versilia ist die Kulisse: Vom Strand, dem natürlichen Aufenthaltsort von Touristen, aus gesehen, machen nicht toscanatypische Hügel uns den Horizont, sondern durchaus echt aussehende Berge, die Apuanischen Alpen. Das Weiße ist (im Sommer) übrigens kein Schnee, sondern Marmor. Schon Michaelangelo hat hier eingekauft. Pietrasanta, mon amour.

Pietrasanta by night

Berge also statt Hügeln, Natur (die Garfagnana) plus Kultur (vom römischen Theater bis zum napoleonischen Palast: Lucca), ein weitgehend unverständlicher Dialekt – von wegen Hochsprache! -, Fischgerichte, aber nur in Küstennähe (in einer Dorf-Trattoria ungefähr zwanzig Kilometer vom Meer hat man mir erklärt, dass es nur Fleischgerichte gäbe, weil das Meer doch viel zu weit weg sei), und die Gefahr, dass J. Fischer um die Ecke biegt, ist eher gering.

Toscana-Fahrern, die doch nicht so ganz vom üblichen Programm abweichen können oder wollen, sind übrigens die Italienischen Staatsbahnen für die Fahrt nach Florenz empfohlen. Züge dürfen – anders als Touristen – bis ins Stadtzentrum fahren (10 min. Fußweg vom Bahnhof bis zum Dom!), sie müssen keine Parkplätze suchen, und sie kosten mit € 16,40 (Stand: September 2012) für die Rückfahrkarte erheblich weniger als Sprit, Autobahnmaut, Wucherparkplatz. Nämlich.

Eine Empfehlenswerte Gegend™ also. Und Katzen(bilder) gibt es natürlich auch.

Toscanischer Kater