Der Standard

Nexus

Seit 24 Stunden bin ich – nach über zwei Jahren mit einem Nexus One – wieder Nexus-Besitzer und Benutzer. Das Nexus 7, das Tablet, mit dem Google beweisen will, dass Android-Tablets eben doch konkurrenzfähig sind gegen die who shall not be named, mit dem Google aber im Erfolgsfall allen anderen Herstellern von Android-Tablets eine lange Nase drehen wird, verstärkt ab sofort meinen digitalen Fuhrpark.

Erster Eindruck: Klein, fast schon zierlich – jedenfalls wenn ich es neben eines der Tablets der Standardgröße 10 Zoll (mein Asus Slider oder mein dienstlich verordnetes iPad beispielsweise) lege; neben meinem auch nicht ganz kleinen Henndie wirkt ein 7-Zoll-Tablet immer ein wenig wie ein elefantöses Funktelefon. Von vorne erinnert das Nexus 7 mit seinem matten Metallrand ein wenig an den iPod touch, den ich 2008 hatte; die gummierte Rückseite mit der Budapester Löcher-Optik (Schuh-Kenner wissen, wovon ich rede!) fasst sich sehr angenehm an, nicht so rutschig wie andere Asus-Tablets, nicht so kalt wie das iPad. Und das Gerät wirkt stabil – da knarzt nichts, und die Panzerglas-Scheibe macht einen vertrauenserweckenden Eindruck. Schick.

Die Hardware: Die Basisdaten weiß Wikipedia schon – dem habe ich wenig hinzuzufügen. Vierkernprozessor von NVidia, mit 1,3 GHz getaktet, 1280×800 Pixels Auflösung, WiFi, aber kein UMTS, im Falle meines Gerätes 16 GB Flash-Speicher (die etwas billigere Version hat 8GB), 1 GB RAM. Vom Display, wo die who shall not be named ohnehin den Standard gerade neu setzen, abgesehen, ist das gute Mittel- bis günstige Oberklasse. Kein Steckplatz für eine Speichererweiterung; wer also eine Videosammlung auf dem Nexus 7 herumtragen will, muss sich seine Filme schon gezielt aussuchen.

Das Fehlen einer UMTS-Verbindung stört mich nicht so sehr, weil ich für Netbook und Slider (das bisherige Tablet of choice) ohnehin einen mobilen Huawei-Hotspot mit mir herumtrage. Ohne so etwas oder ein tetheringfähiges Handy ist das Nexus eher ein Gerät für zuhause (oder das Büro, wenn man YouTube-Gucken dienstlich rechtfertigen kann).

Spiegel-Bild

Das Display zeigt kräftige Farben (und spiegelt kräftig), die bei schräger Draufsicht aber rasch abdunkeln. Der (oder die?) Lautsprecher auf der Rückseite sind keine Studiolautsprecher, bieten aber anständigen Klang. Die eingebaute Frontkamera muss mit 1,2 Megapixeln auskommen; eine Kamera auf der Rückseite gibt es gar nicht, ebensowenig wie eine vorinstallierte Kamera-App. Aber Leute, die ihre Tablets zum Fotografieren hochhalten, sehen sowieso seltsam aus; hier kommt Google einer Fürsorgepflicht vorbildlich nach. Zum Fotografieren hat der Mensch schließlich ein Telefon. (Vor zehn Jahren hätte ich diesen Satz auch nicht so einfach stehengelassen.)

Die Software: Android 4 ist mir nach einem pünktlichen Update (danke, Asus!) schon vom Slider her bekannt; Android 4.1 (bzw. nach einem Update gleich nach dem Auspacken 4.1.1) in Verbindung mit der muskulösen CPU- und GPU-Ausstattung läuft sehr rund und spontan, und ich würde gerne keinen Unterschied mehr zum Dienst-iPad (2) feststellen. Aber in sowas bin ich ebenso gut wie im räumlichen Hören, also kann es sein, dass die who shall not be named doch noch die Nase vorn haben. Muss aber nicht.

MailDroidTablet-fähige Apps wie mein Lieblingsmailer MailDroid sehen im Querformat sehr sauber aus, und auch mit dem Standard-Softkeyboard von Google bleibt noch Platz zum Lesen. Aber – horribile dictu, gell? – irgendwann kommt der Mensch zu der Erkenntnis, dass auf einem schmalen 16:10-7-Zöller von Display das Schreiben im portrait mode (also mit senkrecht gehaltenem Bildschirm) fast angenehmer ist: es wird mehr Text angezeigt, und die Daumen müssen nicht gar so weit bis zu den g- und h-Tasten wandern. Geschmackssache.

Was nervt: Nicht Geschmackssache ist, dass Google den Porträtmodus (na siehste, Klein, geht auch auf Deutsch!) als Standard ansieht. Zwar lässt sich die Anzeige drehen, für bestimmte Apps aber nur nach einer Seite. Aber beim Verlassen einer App und der Rückkehr auf den Heimatbildschirm (jetzt ist genug mit Deutsch – das Ding heißt home screen!) schwenkt das Nexus 7 immer wieder in die Vertikale. Will Google damit mögliche Wechsler von Amazons Kindle Fire (wie alle anderen Kindles ebenfalls ein Hochformat) weniger erschrecken? Man weiß es nicht.

Evernote vertikalEbenfalls nervt, dass speziell auf Tablets hingeschriebene Software entweder mit dem Nexus 7 (noch) nicht kompatibel ist (BBC News, Quickoffice pro HD) oder im Hochformat versucht, immer noch alles wie im Querformat darzustellen (Evernote, siehe Foto). Das schöne an Software dagegen ist, dass sie im Allgemeinen weiterentwickelt wird. Es besteht also Hoffnung, auch für die Macke mit dem Default-Hochformat.

Was Freude macht: Das Nexus 7 ist schnell, fasst sich gut an, ist – schon wegen der Größe – leichter als ein iPad und deshalb länger in der Hand zu halten. Android 4.1 ist als reifes Mobil-Betriebssystem anzusehen (wenn ich mich noch an die ersten Schritte mit Android 1.5 erinnere – bei jedem Nachgucken rauchte das Adressbuch ab & so!) und gefällt mir inzwischen besser als iOS (ich sage nur: Widgets!). Nicht alle Apps sehen gleich gut aus und laufen gleich gut, aber das ist in anderen Betriebssystemen who shall not be named auch nicht viel anders. Dass das Nexus anders als der Slider keine Hardwaretastatur mit echten Knöppskens (= Fachausdruck!) hat, ist eine Sache der Umgewöhnung. Mit dem voreingestellten Klick-Sound beim „Tasten“-Druck auf dem Bildschirm wirkt auch das Software-Keyboard recht knackig.

Und die Überschrift? Nun, das Nexus 7 ist wirklich nicht das erste Android-Tablet, und es ist – dank dem Kindle Fire – noch nicht einmal das erste mit guten Aussichten auf einem Massenmarkt. Aber mit dem Nexus 7 hat Google an denen who shall not… also gut, an Apple vorbeigezogen: Bevor Apple mit einem voraussichtlich nicht billigen 7-Zoll-iPad einen neuen Standard setzt (oder auch nicht), wie es das bei den 10-Zöllern gemacht hat, kommt Google mit einem sehr anständigen Tablet zum noch anständigeren Preis und macht es Apple, aber auch den anderen Android-Herstellern ab sofort schön schwer, hohe Preise zu verlangen. Das Nexus 7 ist ab sofort der Standard für 7-Zoll-Tablets, Punkt.

Was sofort klar ist: Mit dem Nexus 7 verdient Google nicht viel Geld. Das muss also über andere Wege hereinkommen – über den Play-Store beispielsweise, über den Google in den USA Filme und Bücher vertreibt. Nach dem Anmelden in Deutschland habe ich nur Zugriff auf den deutschen Play-Store, der – was Bücher angeht – wie eine gutsortierte Bahnhofsbuchhandlung daherkommt; gegen Amazon, das ja ursprünglich mal ein Nur-Buchladen im Netz war, sieht das übersichtlich aus. Filme? Keine gefunden.

In den USA kostet das 8-GB-Modell $ 199, das mit 16 GB $ 249. Für Europa sind die selben Preise in Euro vorgesehen. Wer jetzt schon in den USA bestellt, muss mit Fracht und Zoll rechnen. Nicht zu knapp.

4 Gedanken zu „Der Standard“

  1. Ich hab mir Deine Lobeshymne jetzt nochmal durch gelesen, nachdem ich gesehen habe, dass man das 16GB jetzt auch hier für 259 € erwerben kann (inkl kostenloses News Abo, aber geschenkt) und als Spielkind bin ich auch schon fast in Versuchung geraten….. aber ehrlich (und wahrscheinlich dumm) gefragt: Wozu? Was ist der tatsächliche Mehrwert gegenüber der bisherigen Reiseausstattung bestehend aus dem guten alten 10″ EasyPeasy Netbook und dem guten neuen 4.7″ Telefon?
    Weil man es haben kann?

    • Weil es geht – das ist immer ein gutes Argument. Ein weiteres: Gestern abend gewitterte es in Berlin, im Fernsehen kam nur Müll, weshalb ich mir auf dem Sofa liegend einen heruntergeladenen Film (ja, inzwischen bietet Google auch in Deutschland Filme an!) anguckte. Das 10-Zoll-Tablet, ob nun von Apple oder nicht, wäre mir in den fast zwei Stunden wohl deutlich zu schwer geworden; der ePaper-Kindle hätte mit einem Film nichts anfangen können; und mit einem Netbook in der Hand auf dem Sofa liegen sieht sicher doof aus (ausprobiert habe ich es nicht).

      Fazit: Die Größe ist sehr handlich, und die eingebaute Technik wird mit allen Medienformaten fertig: der Film kam in 720p-HD und ruckelte nicht ein einziges Mal.

  2. Na gut, dass ist für jemanden der nur 2000er DSL hat (was knapp reicht um Livevideos zu gucken) nicht so das ausschlaggebende Argument, ganz abgesehen davon, dass mein Blue Ray Player mir auch Lovefilm oder Youtube Sachen streamen würde und ich sie bequem auf dem schönen großen AnalogTV betrachten könnte. Bei der letzten Bahnfahrt fand ich es recht bequem mein Netbook auf den Tisch zu stellen und freihändig zu gucken. Bisher bleibt also weil es geht und (fast noch wichtiger) weil es nicht von den anderen ist 🙂

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