Der Washingtonpfosten

Beim Tweets-Durchgucken, schon mit halbgeschlossenen Augen, festgestellt: Washington Post Wins 6 Pulitzers.

Wow.

Und sofort erinnere ich mich an die siebeneinhalb Jahre, die ich Abonnent der Lokalzeitung war. Jeden Morgen lag ein dicker Packen Papier in der Einfahrt, sonntags ein besonders dicker. Jeden Morgen schlurfte ich um sechs Uhr morgens (gut, nicht jeden Morgen, aber doch erstaunlich oft, und auch sonntags!) in Bademantel und Schlappen zum Straßenrand und pickte meine Post auf (und legte mich bei Schnee und Eis schon mal längs in die weiße Pracht!). Jeden Morgen breitete ich dann eine große Menge Zeitung über den Frühstückstisch – und schmökerte. In den Anfangsjahren (meinen, nicht denen der Post) musste ich auch noch aufpassen, mich nicht auf der Zeitung aufzustützen, weil die altertümliche Druckerschwärze der Post sich sofort an alle Kleindungsstücke heftete. Später, mit Einführung des Vierfarbdrucks, hatte sich das erledigt.

„Schmökerte“? Schmökerte. Jede Post-Story, die über einen kleinen Zweispalter hinausgeht, geht weit darüber hinaus – eine Fortsetzung über zwei, drei Seiten ist völlig normal. Wenn in einer bundesdeutschen Zeitung ein Artikel zu Ende ist, geht er in der Post gerade mal ruhig atmend in die zweite Runde. Die Fülle an Details und klug erklärten Hintergründen zeigt die Arbeit, die in jedem Eigenbericht steckt. Und weil Länge allein keine gute Zeitung macht, und weil sich das News-Englisch dafür durchaus eignet, waren Post-Artikel überwiegend eine Lesefreude.

Disclaimer: Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Informationsfülle der Post es dem US-Korrespondenten einfach macht, schon vor Beginn der eigenen Arbeit einen guten Überblick über die Themen- und Sachlage des Tages zu bekommen.

Und sonntags… Am Sonntag ist die Post für mindestens einen halben Tag Zeitungslektüre am Stück gut, von der Front Page bis zur Buchkritik und den Autoseiten. Und die Sunday Strips, die bunten Comicseisten, die ich wie ihre schwarzweiße Werktagsausgabe jeden, aber auch wirklich jeden Tag las – um mein Umgangsenglisch zu verbessern. Kann sein, dass auch der Humor dabei abgefärbt hat wie die Druckerschwärze.

Seit über vier Jahren lese ich die Post nur noch online, weil es sie hier, an meinem neuen Wohnort, nicht gibt. Und online liest es sich eben nicht so bequem, schon gar nicht, wenn man dabei mit der Seitenstruktur von Washingtonpost.com zu kämpfen hat. Aber ganz lassen kann ich von der Droge aus der 15. Straße NW bis heute nicht, denn trotz gegenteiliger Versuche gibt es die „Deutsche Washington Post“ nicht. Bei weitem nicht.

Ich weiß, dass viele, vor allem liberale (nicht im Sinne von FDP, sondern im Sinne von „nicht konservativ“) Intellektuelle die New York Times für die bessere Zeitung halten. Aber einerseits hat die NYT in letzter Zeit so ihre Glaubwürdigkeitsprobleme, und andererseits ist sie eben nicht: meine Lokalzeitungâ„¢.

Für die, die immer noch über die Überschrift rätseln: So übersetzte der Babelfish anfangs die Quellenangabe „Washington Post“.

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