Der Washington Pfosten

Geht ein Mann los, eine Zeitung kaufen… Keine Ahnung, wieviele Texte über den Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos heute mit diesem Flachwitz anfangen. Dieser hier fängt jedenfalls damit an.

Fast acht Jahre lang, von 1996 bis Ende 2003 lag jeden Morgen, zusammengerollt und in einer Plastikhülle, die aktuelle Ausgabe der Washington Post vor meiner Tür. Fast acht Jahre lang fing mein Tag damit an, den dicken Flatsch Zeitungspapier auf meinem Frühstückstisch auszubreiten. In den neunziger Jahren war das noch eine ziemlich schwärzliche Angelegenheit, weil die Post damals mit klassischer Druckerschwärze das Papier und meine Hemdsärmel einfärbte – später wurde sie dann bunt und färbte nicht mehr. Fast acht Jahre lang las ich mich durch gut recherchierte, oft bis ins letzte Detail gehende Berichte und Reportagen (vier bis sechs Absätze auf der Titelseite, dann gerne zwei halbe Seiten weiterer Text!), lernte aus den Comic Strips die amerikanische Umgangssprache und aus der Metro Section alles, was in der Stadt so passierte, verbrachte eine Extra-Viertelstunde in der Style Section, die nichts mit Mode zu tun hatte, sondern das ist, was hierzulande Feuilleton heißt, konnte am Sonntagvormittag zwei bis drei Stunden mit einer Zeitung verbringen – es war eine Pracht!

Die Post war Pflichtblatt für die US-Hauptstadt und Lesevergnügen für Zeitungsfans in einem. Und, liebe Kinder, wenn ihr nicht wisst, was ein „Zeitungsfan“ sein soll, lasst es euch von Papi und Mami erklären – es gab Zeiten, als man Fan einer Zeitung sein konnte, und es gab Zeitungen, die es wert waren.

Komisch. Seit ich wieder in Deutschland lebe, bin ich kein begeisterter Zeitungsleser mehr – seit einem dreiviertel Jahr sogar überhaupt nicht mehr. Die Newsletters der WashPost dagegen habe ich immer abonniert – und vor zwei Stunden erfuhr ich aus einem von ihnen, dass Jeff Bezos, Gründer und Chef von Amazon, sich die Zeitung gekauft hat.

Staun.

Natürlich erinnere ich mich an „All the President’s Men„, den Film, der im Deutschen „Die Unbestechlichen“ hieß und die Geschichte erzählte, wie zwei junge Reporter der Post den Watergate-Skandal aufdeckten und so den investigativen Journalismus (wieder-) erfanden. Ich erinnere mich auch daran, wie ich mich 1980 ehrfurchtsvoll durch den legendären Newsroom der Zeitung führen ließ – ausgerechnet von der damaligen Verlegerin der Post, Katherine Graham (noch mehr Ehrfurcht!), die letztendlich grünes Licht für die Watergate-Berichte gegeben hatte. Ich erinnere mich daran, dass ich diesen Newsroom später bei Recherchen noch öfter gesehen habe – und daran, dass er schon vor 2003 etwas leicht altertümliches an sich hatte. Natürlich gab es da keine Schreibmaschinen mehr, aber der Geist von Watergate schien immer noch zwischen den cubicles zu schweben.

In den letzten Jahren las ich immer öfter, dass die WashPost ins Schlingern gekommen sei. Seit Monaten habe man nun dort nach einem Käufer gesucht – und ihn jetzt gefunden.

Was macht ein Mensch, der Buchläden, Verlage und Druckereien nacheinander und systematisch überflüssig macht, mit einer Zeitung? Mit einem Unternehmen, das sich trotz aller Verbreitung im Netz immer noch als Nachrichtendruckerei ansieht – und in diesem Geschäft zu den besten gehört?

I won’t be leading The Washington Post day-to-day. I am happily living in ‘the other Washington’ where I have a day job that I love. Besides that, The Post already has an excellent leadership team that knows much more about the news business than I do, and I’m extremely grateful to them for agreeing to stay on.

…sagte er – na, wo wohl? Auf der Website seiner neuen Zeitung. Und genau das glaube ich ihm nicht.

Ich glaube auch nicht, dass er die Zeitung gekauft hat, um sie auszupressen und damit Geld zu verdienen; dass das nicht klappt, dürfte sich auch bis nach Washington State herumgesprochen haben. Ich glaube eher, dass er das Nachrichtengeschäft so umzukrempeln versucht, wie er es mit dem Buch- und Versandhandel getan hat. Das wird keineswegs ohne Schmerzen abgehen, befürchte ich, aber interessant zu beobachten sein. Und wenn deutsche Zeitungsmenschen ihr Geld wert sind, werden sie in den nächsten Monaten aber schon ganz ganz genau beobachten, welchen Kurs die Washington Post aufnimmt. Jeff Jarvis ist schon mal voller Hoffnung. Und wenn wir schon mal dabei sind, Journalisten, die sich mit Journalismus auskennen, zu zitieren, möchte ich den interessanten Absatz von Atlantic-Autor James Fallows zitieren:

For years anyone thinking about the future of news has realized that, completely on its own, what we consider „serious“ journalism has never been a viable business. Foreign reportage, serious investigative or government-accountability coverage — functions like these have always been, in economic terms, parasites that need to ride along on some profitable host body.

Warum ich diese zwei Sätze für wichtig halte? Weil damit klargestellt wird, was die Verteidiger des „Qualitätsjournalismus“ nicht wahrhaben wollen: Guter Journalismus finanziert sich nicht von selbst. Wer ihn haben will, muss sich ein anderes Geschäftsmodell suchen – so, wie es wohl Mr. Bezos jetzt macht.

Anmerkung für Überschriften-Erklärer: Mit dem „Washington Pfosten“ ist nicht Jeff Bezos gemeint; das war die erste Übersetzung, die Altavistas Babelfish-Übersetzungsmaschine mir für den Begriff „The Washington Post“ anbot. Damals, im letzten Jahrhundert,