Der Untote

Auch auf der Suche nach einem Beispiel dafür, wie eine Firma konsequent und über viele Jahre hinweg richtige Entscheidungen zum falschen Zeitpunkt, gemischt mit ein paar grundsätzlichen falschen Entscheidungen, trifft? Die Suche hat ein Ende: Netscape Communications, seit neuestem Netscape Communications and Weblogs, Inc. hat wieder zugeschlagen.

Für die Jüngeren unter uns: Netscape war der erste kommerzielle Hersteller von Web-Browsern und hatte vor dem Beginn der sogenannten browser wars eine marktbeherrschende Stellung. Seitdem, also seit Microsoft mit schmutzigen Tricks aggressiver Geschäftspolitik seinem Internet Explorer die Marktführerschaft verschaffte, geht alles schief bei Netscape.

Netscape 4.x war ein derart fliegendes Spaghettimonster an Code, dass die Entwickler keine Möglichkeit sahen, daraus jemals ein funktionsfähiges Netscape 5 zu machen. Das stattdessen von Grund auf neu geschriebene Netscape 6 ließ zuerst ewig auf sich warten (die Jubelbegrüßung nach dieser Wartezeit war einer der ersten Einträge in meinem ersten Weblog!) und stellte sich dann als der größte Stinker von Software heraus, den ich je auf einem Rechner hatte (die enttäuschte Abrechnung im Weblog folgte noch vor Jahresende 2000). Netscape verschlief des weiteren die Entwicklung weg von der Internet-Kombi mit Browser, Mailer, Newsreader, Web Authoring Tool hin zu individuellen Applikationen (Firefox, Thunderbird, Nvu) und humpelte mindestens ein halbes Jahr hinter der Entwicklung seiner Open Source-Brüder aus dem Hause Mozilla her. Netscape 7 addierte unnötigen AOL-Müll (Netscape gehörte inzwischen zu AOL) zum Browser, Netscape 8 gab es nur noch für Windows, weil es wahlweise die Engine ausgerechnet des Internet Explorer nutzte. Netscape – ein erledigter Fall.

Und jetzt das: Netscape 9 ist da. Doch, ehrlich. Für Windows, Mac, Linux. Ein verkleideter Firefox der neuesten Generation, erweitert um eine Schnittstelle zu dem, was inzwischen aus netscape.com geworden ist: eine Kopie von digg.com, ein user-bestimmtes Nachrichtenportal halt. Ein erster Kurztest auf einer Windows-Kiste und einem Mac zeigt: anständiger Firefox, und genau das Richtige für die, die sich zusammen mit Gleichgesinnten auf netscape.com herumtreiben, sich dort gegenseitig auf interessante Geschichten aufmerksam machen und ihre Gedanken, if any, austauschen.

Blöd nur, dass die Bevölkerung von netscape.com ungefähr so zahlreich ist wie die von Montana – mit dem Ergebnis, dass die Top Story des heutigen Abends eine eher peinliche Lobhudelei der WELT (ja, der deutschen Zeitung!) zum 61. Geburtstag von George II. Bush ist, und dass ganze 143 User diese Geschichte bemerkenswert fanden.

Blöd aber auch, dass so sentimentale Hunde wie ich sich immer noch an die großen Zeiten des „anderen“, des Ersten Browsers erinnern und dessen Abstieg zum Browser-Zombie irgendwie bitter finden.

Time to move on.

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