Der Tod als Amtshandlung

Einem Menschen beim Sterben zugucken kann im US-Bundesstaat Virginia jeder, der ein amtliches Führungszeugnis vorweisen kann, in Virginia ansässig ist und es fertig bringt, in mindestens drei Zeilen schriftlich darzulegen, warum er Zeuge einer Hinrichtung sein will. Über die Zeugen einer Hinrichtung berichtet die Lokalzeitung in ihrer Wochenendausgabe.

Virginia war fast acht Jahre lang meine Heimat – nicht nur der Staat, in dem ich wohnte, sondern das Land, in dem ich mich zuhause fühlte, dessen sanfte Landschaft ich auch heute noch oft vor mir sehe, über der sich ein unglaublich weiter Himmel spannt. In Virginia habe ich freundliche, offene Menschen kennengelernt, und wenn mein Leben nicht anders verlaufen wäre, lebte ich noch heute dort.

Virginia ist aber auch das Land mit den meisten Hinrichtungen nach Texas, ein Land voller vernagelter rednecks, die nur netterweise die Gegend mieden, in der ich zuhause war.

Die Todesstrafe, über die ich in meinem Korrespondentenjahren dort immer wieder berichten durfte und deshalb nachdenken musste, ist in Virginia ebensowenig unumstritten wie in den meisten anderen US-Staaten; es ist nur so, dass eine Mehrheit der Virginians sich dafür ausspricht, wenn sie gefragt wird. Was auch für europäische Gutmenschen nicht so überraschend sein sollte – entsprechende anonyme Umfragen in Deutschland haben schon ganz ähnliche Mehrheiten für den staatlichen Tod erbracht. Und wir sollten nicht vergessen, dass die Todesstrafe in Westdeutschland erst nach dem 2. Weltkrieg, in Westberlin (alliiertes Recht!) und in der gerade noch bestehenden DDR offiziell sogar erst 1990 abgeschafft wurde.

Die Todesstrafe ist in den USA ein Faktum, aber keines, das undiskutiert bleibt. Und damit kommen wir wieder zu dem oben verlinkten Bericht der Washington Post. Einige der dort porträtierten Freiwilligen haben sich nämlich zum Dienst in der Todeskammer (Virginias Gesetze lassen Hinrichtungen nur zu, wenn mindestens sechs Zeugen anwesend sind und den ordnungsgemäßen Ablauf bestätigen können) gemeldet, um sich selbst über Recht oder Unrecht einer solchen Strafe klarer zu werden. Was die Post-Reporterin Candace Rondeaux daraus gemacht hat, ist ein Stück genauer, einfühlsamer Beobachtung.

„That was the worst part,“ Rosson said. „We all have to sit here waiting five minutes so the man can finish dying. You think of dying as something personal, and it was just a really horrible, public and invasive way to die. I would not want to see that again.“

No one in the witness room said a word as they stood to exit. The guard at the door thanked them for coming and bid them goodnight. One by one, the witnesses climbed back into the van.

Lektüre auch für Europäer.