Der Reflex

Wenn ich – u.a. mich selbst – daran erinnern darf: Es geht nicht darum, möglicherweise Recht gehabt zu haben, nicht darum, anderen hämisch einen Irrtum nachweisen zu können. Aber der Reihe nach:

Ein an sich schöner Abend zu Hause wurde durch „Alles-im-Griff“-Nachrichten aus der Redaktion und durch Sonder-Nachrichtensendungen zu den Anschlägen in und bei Oslo unterbrochen (Links zur aktuellen Berichterstattung kann ich mir wohl sparen, richtig?). Und während ratlose Fachleute von möglichen islamistischen Hintergründen spekulierten, fand bei mir ein Flashback in die Zeit als US-Korrespondent statt.

Autobombe vor Regierungsgebäude? Timothy McVeigh – der Mann, der allen Untersuchungen und einem viel beobachteten Prozess zufolge 1995 als Einzeltäter ein Gebäude in Oklahoma City in die Luft sprengte. McVeigh war – nach allem, was wir wissen – von rechtsradikalen Gedanken beeinflusst, aber nicht Mitglied einer organisierten Gruppe, so, wie – nochmal: nach allem, was wir wissen – Anders Behring Breivik, der mutmaßliche Attentäter von Oslo.

Amoklauf mit Schusswaffen? Auch da fallen mir nicht verwirrte Opfer von Hasspredigern ein, sondern Menschen mit suprematistischen Gedankengebäuden, mit Verachtung für als minderwertig Eingestufte, mit Begeisterung für Schusswaffen. Ein Ferienlager einer sozialdemokratischen Regierungspartei? Das interessiert keinen fanatischen Islamisten, wohl aber einen, der die Regierung, noch dazu eine sozialdemokratische, hasst. Deutet in meiner Welt auf einen Rechtsradikalen hin.

Aber darum geht es nicht – zumal auch die Theorie vom allein handelnden Nazi noch auf ihre Bestätigung wartet.

Worum es mir geht, ist der Reflex „Terror? Islamismus!“.

Was sagt uns dieser Reflex? Schuld sollen fremde Menschen aus einem fremden Kulturkreis mit fremder Denkweise sein. Schuld sollen Menschen sein, die dadurch, dass sie nicht aus unserem Kulturkreis stammen, anders sind als wir. Durch das Anderssein dieser üblichen Verdächtigen sind wir von dem Zwang befreit, über uns, über die dunklen Ecken unserer Gesellschaft nachzudenken. Durch das Anderssein dieser Verdächtigen können wir uns abgrenzen, können organisatorische, rechtliche, tatsächliche Zäune ziehen, können immer wieder und immer mehr zur Wachsamkeit aufrufen und damit politisch nutzbare Angst erzeugen.

Dieser Reflex erzählt uns aber nicht nur von latenter oder offensichtlicher Fremdenangst; er erzählt auch von der Sehnsucht nach raschen, einfachen und bequemen Erklärungen, von der Angst davor, sich mit neuen, unbekannten Bedrohungen auseinandersetzen zu müssen, keine in drei Sätze zu fassende Erklärung zu haben.

Damit wir uns richtig verstehen: Es geht nicht darum, jemand hämisch einen Irrtum nachweisen zu können. Weniger als 24 Stunden nach der Tat sind alle Theorien und Erklärungsversuche gleich stark gefährdet, als Unsinn enttarnt zu werden. Wichtig ist mir nur, zu sagen: Es gibt keine schnellen Erklärungen, Sondersendungen hin, Dossiers her. Und die üblichen Verdächtigen, die schon im Film „Casablanca“ eine nicht sonderlich subtile ironische Bloßstellung von staatlichem Handeln waren, gibt es nicht.

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