Der Korri

Aus der Abteilung: Vorsicht! Opa erzählt vom Krieg!

Speziell beim Lesen von Berichten über den US-amerikanischen (immer noch Vor-)Wahlkampf, zu lesen in diesem und jenem bundesdeutschen Online-Medium, fällt mir immer wieder die Selbstsicherheit auf, mit der da Behauptungen über die politische Stimmung im Lande jenseits des Teiches aufgestellt werden, die sogar mir als einem, der seit mehr als vier Jahren nicht mehr dort lebt, unwahrscheinlich vorkommen. Und früher oder später kommt dann auch die Gegenbehauptung, ebenfalls selbstsicher bis zum Anschlag vorgebracht.

Ich bin nun der letzte, der die Uraltdiskussion über Qualitätsjournalismus wieder aufwärmen würde.Aber ich glaube schon, zu wissen, wo solche selbstbewussten Berichte herkommen. Vom Schreibtisch eines Kollegen nämlich, der entweder gar nicht oder noch nicht sehr lange im Berichtsgebiet lebt.

Die Sache ist nämlich so – und da spreche ich aus Erfahrung: Ein guter Teil – nee, eigentlich der nicht gute Teil – der Auslandsberichterstattung eines Mediums findet am Schreibtisch der Heimatredaktion statt und basiert vor allem aus Agenturmeldungen und oft schlecht übersetzten Artikeln aus Medien im Berichtsgebiet.

Und der Rest? Stammt zwar von Korrespondenten im Berichtsgebiet, ist aber trotzdem nicht immer von Sachkenntnis durchdrungen. Um nämlich wirklich zu verstehen, wie ein Land, seine Regierung und seine Bewohner ticken, sollte man mehr als nur ein paar Monate in diesem Land gearbeitet und gelebt haben. Ich habe siebeneinhalb Jahre in Washington, DC gearbeitet, und im Nachhinein betrachtet, war ich – wenn ich den Inhalt meiner Arbeit ehrlich bewerte – die ersten zwei bis drei Jahre ein gut bezahlter (naja, mehr oder weniger gut…) Praktikant. Das lag nicht daran, dass ich als Journalist schlecht gewesen wäre, faul oder einfach nur gefräßig. Aber die Stimmung in einem Lande lässt sich nun einmal nicht nur durch Meinungsumfragen, Zeitungslektüre und Politikerreden und durch Gespräche mit den Kollegen aus der alten Heimat eruieren, sondern nur durch langes und intensives Leben im Berichtsgebiet.

Die Sache hat jedoch eine Macke: Wer als Korrespondent zu lange in einem fremden Land lebt, verliert die journalistische Distanz zu diesem Land – weshalb Korrespondenten oft schon nach drei Jahren wieder ausgetauscht werden. Drei Jahre – das ist meine Erfahrung – ist eindeutig zu kurz; die zwanzig oder mehr Jahre, die einige Kollegen schon als Korrespondenten auf dem Buckel haben, sind aber möglicherweise wieder zu lang.

Was ich damit sagen möchte: Wundert Euch bloß nicht, wenn der amerikanische Wähler sich dann doch für den Konservativen entscheidet, weil ihm das ganze Wechsel-Geschrei der Demokraten mehr verängstigt als anfeuert. Es hilft weder Clinton noch Obama, dass europäische Korrespondenten sie politisch und menschlich sympathisch finden und ihnen alle möglichen Siegchancern zuschreiben.

Es hilft aber natürlich auch nicht, wenn Clinton und Obama ihre Kräfte im Wahlkampf gegeneinander verschleißen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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