Der Halbdemokrat

Er gibt alle vier Jahre seine Stimme ab und sieht dann zu, was andere damit anstellen. Er unterstützt die eine oder andere politische Sache mit ein wenig Geld, solange es nicht zuviel wird. Er klebt politisch korrekte Banner auf Webseiten und äußert Kritik an der Berufspolitik, wann immer er sie kritikwürdig findet. Er sieht sich abwechselnd auf dem Boden der FDGO und der U.S. Constitution, je nachdem, wie sentimental er gerade gestimmt ist. Er empfindet aufrichtige Verachtung, wenn erwiesene Nichtwähler sich über die Zustände im Land aufregen. Und er findet, auch Diätenerhöhungen grenzen gelegentlich an Machtmissbrauch.

So what? Hier haben wir ihn: den bürgerlichen Halbdemokraten, mit sich selbst sehr viel zufriedener als mit der Welt um ihn herum. Er vermeidet offensichtliches Frankenfood (genetisch modifizierte Nahrung) und kümmert sich nicht wirklich um die Herkunft dessen, was er stattdessen isst. Er bespuckt den Bundestrojaner und seine Proponenten, nutzt Google und die Dienste eines der bundesdeutschen Gesetzgebung unterworfenen Telekommunikationsanbieters. Er liest den Spiegel (oder auch nicht), sieht Hart aber Fair (oder auch nicht), ist für die Bekämpfung allen Unrechts in der Welt. Oder auch nicht.

Der Halbdemokrat macht ausgedehnte Spaziergänge mit dem Auto, bringt zum Gewichtheben den Gabelstapler mit und verbraucht zur Haushaltsführung mehr Rechnerkapazität als alle Apollo-Missionen zusammengenommen. Oder anders ausgedrückt: Der Halbdemokrat kämpft für eine bessere Welt, Hauptsache, er strengt nicht an, dieser Kampf.

Soweit die Bestandsaufnahme. Und jetzt die Frage: Warum?

Warum kriegt der Halbdemokrat, demokratisch gesprochen, den demokratischen Arsch nicht hoch? Warum, verdammt noch eins, engagiert der Halbdemokrat sich nicht mehr, verbringt seine Zeit nicht mehr unter Gleich- oder Andersgesinnte, tritt nicht einer Partei bei, einer BI, einer Grass Roots Initiative, geht in seinen politischen Aktivitäten nicht über gelegentliche Überweisungen vom Gehaltskonto hinaus?

Ich weiß es nicht. Hat wahrscheinlich ähnliche Gründe wie die wenig beeindruckende Umsetzung der Mitgliedschaft im Fitnessclub oder der Besitz eines Autos in einer Stadt mit gut ausgebautem ÖPNV.

Ach Dreck!