Depersona

“Guten Tag, mein Name ist Lohse. Ich kaufe hier ein.“ (Loriot, Pappa ante portas)

Wie Heise berichtet, ist man im Bundeskanzleramt nicht zufrieden mit dem Internet. Es dürfe kein rechtsfreier Raum sein, heißt es. Wir bräuchten eine Ethik im Netz, heißt es.

Der Mann, der solches fordert, ist Zentralabteilungsleiter im Amt und heißt Michael Wettengel. Und ich bin mir nicht ganz sicher, ob er damit nicht gegen eine seiner eigenen Forderungen verstoßen hat, der Forderung nämlich, sich in der (Netz-)Öffentlichkeit nicht hinter erfundenen Namen zu verstecken.

Keine Witze über Namen, bitte.

Das stimmt doch hinten und vorne nicht, Damen und Herren.

Wir sollen im Netz also ethischer miteinander umgehen als im sogenannten wirklichen Leben, und wir sollen das ausgerechnet dadurch tun, dass wir unseren Namen nennen. Ein Herr Lohse mag das vielleicht noch tun (s.o.). Ich bin beim Einkaufen höchstens der muffelige Kautz (nur echt mit “tz“), der die Zähne nicht richtig auseinander kriegt. Einen Namen nenne ich nicht, schon gar keinen falschen.

Ethisches Verhalten – und das wird auch der Mann, pardon, Zentralabteilungsleiter mit dem erfundenen oder nicht erfundenen Namen wissen – definiert sich noch am allerwenigsten durch die Nennung eines Namens.

Die Frage, die sich stattdessen stellt, ist eine ganz andere: Was bringt das Verstecken hinter der Maske einer persona überhaupt (hey, Klugscheißer, ich weiß selbst, dass “persona“ ursprünglich die Maske bezeichnet!)?

Sinn- und wirkungsvolles persona-Management, die Grundvoraussetzung für eine informationelle Selbstbestimmung, die diesen Namen noch verdient, ist nämlich etwas, was wir alle (Ausnahmen, Regel, ich weiß) erst noch, oder eher wieder lernen müssen in einer Zeit der selbst- oder fremderstellten Persönlichkeitsprofile. Und ich habe den Verdacht, es ist nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch ein full-time job, die eigene Person und die mit ihr verknüpften Daten einigermaßen unter Kontrolle zu behalten.

Denn wir haben sie, die Person, wenn schon nicht unsere Seelen, längst verkauft, an die Betreiber von Gratisdiensten im Netz, an unsere Lokalzeitung, an unseren Kundenkartendealer, an die Bank, die Telekom, den Verkehrsverbund…

Wir bezahlen mit unseren Daten Dinge oder Dienste, die uns andernfalls zu teuer wären, und bilden uns ein, wir hätten gleichzeitig das Recht auf Gratiskulturen (iih, das böse Wort) und das auf privacy.

Hamwa nich. Beides geht nicht im Kapitalismus (woanders übrigens auch nicht).

Und wenn wir so ehrlich sind und uns diesen Sachverhalt endlich eingestehen, dann können wir uns auch de-personifizieren, die Maske ablegen und als Herr Lohse einkaufen gehen. Alles andere ist – bis wir gelernt haben, wirklich verantwortungsbewusst mit unserer persona umzugehen, s.o. – Selbstbetrug.

Und Herr Wettengel hat ein Thema weniger.