Denkpause (cont.)

Trotz allem treu gebliebene Leser dieser oder der vorhergegangenen Seiten verdächtigen mich wahrscheinlich schon, zum Zweidrittelblogger zu degenerieren (acht Monate bloggen, großspurig den Ausstieg verkünden, vier Monate Pause machen, unter verschiedenen Vorwänden wieder anfangen, repeat as needed since 2006).

Nee, ist diesmal anders.

Persönliche Gründe, die nicht hierher gehören, und ein fordernder Job haben mich in den letzten Wochen weitgehend auf den Netzkonsumenten reduziert. In den verbleibenden Minuten habe ich unter anderem darüber nachgedacht, was ich denn konsumiere, sprich: welche Themen in meinem täglichen Leseaufkommen aus Klein-Bloggersdorf (und es ist immer noch Klein-Bloggersdorf) eine Rolle spielen:

  • Da wäre einmal – und vor allem – das, was sich zuerst in Tunesien, dann in Ägypten, demnächst in ?? tut. Spannend die Berichterstattung von den Schauplätzen, bewegend der community-Aspekt der Geschichte, peinlich die Diskussion um einen freien Journalisten und dessen Motive, nach Kairo zu fliegen. Der Rest? All die engagierten Kommentare in engagierten Blogs? Uninteressant. Wenig überraschend, wenig erhellend, wenig von Sachkenntnis getrübt.
  • Dann wäre da der Skandal oder auch Nichtskandal um gekaufte Blogeinträge. Wert 100.0 auf der Irrelevanzskala. Klafterweit am Arsch vorbei. 
  • Dann der Skandal um eine gepfändete Domain. Blöd für den Gepfändeten, ganz blöd für den Pfändenden – sonst: meh.
  • Dumme Politiker, die nichts vom Internet verstehen. Haben wir. Seit 1949. Und eigentlich schon viel länger. Und?
  • Technik-Kram aus der Welt von Apple, Linux/Ubuntu, Google. Nun ja, lese ich schon ganz gerne, habe aber selbst nichts wesentliches beizutragen, u.a. aus den beiden o.a. Gründen.
  • Deutsches Fernsehen. Deutsches was? Ach so, das, was in dem flachen Kasten an der Wand steckt, den ich aus den o.a. Gründen in den letzten Wochen so gut wie nie einschalte.
  • Die Verlage, das Urheberrecht, seine Frau und ihr Liebhaber. Es ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von jedem.

Zeichnet sich hier ein wenig Blog-Überdruss ab?

Nein, nicht wirklich. Die Blogs, die ich gerne lese, sind nur andere als die, die ich vor fünf oder zehn Jahren gerne gelesen habe (Ausnahmen bestätigen die Regel, aber viele sind es nicht. You know who you are). Und es sind in der Mehrheit inzwischen professionell gemachte Veranstaltungen von Leuten, die entweder damit tatsächlich Geld verdienen oder einfach zuviel Zeit haben. 

Von den bunt gemischten Do-it-yourself-Blogs der frühen Jahre sind die wenigsten in meiner Leseliste verblieben. Die meisten haben aufgehört, einige sind unter die Relevanzsschwelle gedriftet, einige wenige bloggen elegant, gelassen, wie eine Jazzband spätnachts, eher nebenher vor sich hin, ohne die Zwänge der frühen Jahre (Linkdichte, Postfrequenz, Kommentarkram, was da alles war), erwachsen eben.

Ich möchte auch eine Jazzband sein, allein, mir fehlt die Coolness.