Demokratie Schtonk?

Do Not Pass On Right
Do Not Pass On Right

Nur gut, dass ich im Jahr 2012 diesem Blog (mal wieder) einen Neuanfang verordnet habe. Sonst müsste ich (und könnten alle) an dieser Stelle nachlesen, was ich in früheren Jahren an lobenden Worten für die US-amerikanische Demokratie gefunden habe.

Blow cake, wie der Amerikaner (nicht) sagt. Dabei hätte ich es besser wissen müssen – die Zeichen waren und sind klar zu sehen. 1994 hatte Newt Gingrich die Republican Revolution verkündet, seinen Contract with America veröffentlicht und seit den Kongresswahlen in diesem Jahr dem damaligen Präsidenten Bill Clinton das Regieren schwer bis unmöglich gemacht, ein idiotisches und letztlich erfolgloses Amtsenthebungsverfahren über eine idiotische Affäre mit einer Praktikantin eingeschlossen. 2000 wurde George W. Bush (eigentlich nicht) gewählt und für die nächsten acht Jahre Präsident, und damals hörte ich in republikanischen Kreisen, wie ein Republikaner zum anderen sagte, man dürfe und werde die Macht jetzt nie wieder hergeben. Dann kam trotzdem ein demokratischer Präsident, dann kam die Tea Party, und dann kam Clinton vs. Trump (kein Link weil echt nicht nötig).

Es geht nicht mehr um Politik in den USA. Es geht vor allem den Republikanern und ihren Finanziers einzig und allein um Machterhalt – und wenn sie glauben, das gehe nur mit einem anerkannten Populisten, dann machen sie eben den zum Kandidaten, während die Anhänger von Bernie Sanders und auch die allermeisten Demokraten immer noch glauben, es ginge um Politik, um Ziele, um die Verbesserung der Gesellschaft. Dazu kommt die mediale Revolution im Netz (für die ich früher auch vor allem lobende Worte gefunden habe, ich Dummi!), die die Meinungsführerschaft (auch so ein Wort von früher, genauer: aus meinem Erststudium) aus den Händen der etablierten Medien nimmt und demjenigen gibt, der am lautesten krakeelt (wieder: Trump). Und es kommt die Macht der dumpfen Massen (heute wieder elitär, der Herr K.), die die Maßstäbe des Akzeptablen dorthin verschiebt, wo sie nicht hingehören: weit unten.

In den 90er Jahren begleitete ich journalistisch die gesamte Affäre um Clinton und seine Praktikantin und fühlte mich immer ein wenig schmutzig dabei. Dass ich zu den Vorgängen um die 2016er Wahl eine größere geografische und professionelle Distanz habe, sorgt leider nicht dafür, dass ich dabei ein besseres, weniger schmutziges Gefühl habe – im Gegenteil. Und am Morgen des 9. November 2016 mag zwar der 2016er Wahlkampf vorbei sein – besser steht die Demokratie in einem der Länder, die sie am längsten am Leben gehalten hat, nicht da.

Was ich den (in meinen Augen) Schuldigen am meisten vorwerfe: dass sie den Postdemokraten im Osten Europas (you know who you are, ты знаешь кто ты, tudod ki vagy, wiesz kim jesteśjeweils nach Google Translate) die besten Argumente dafür liefern, dass sich Demokratie überlebt hat.

Ich könnte kotzen. Kotzen könnte ich.

2 Gedanken zu „Demokratie Schtonk?“

    • Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt. Mich kotzt nicht an, dass auch mal die anderen gewinnen – das ist vielleicht ärgerlich, aber ziemlich normal. Mich kotzt an, dass für die sog. Grand Old Party (= Republikaner) und ihre Mächtigen Politik, so richtig oder falsch sie sein mag, in den Jahren seit spätestens 1996 komplett zweitrangig geworden ist und Machtgewinn und Machterhalt das oberste Ziel sind, dem alles andere unterzuordnen ist.

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