Demokratie, die zweite

Irgendetwas mit dem Attribut „2.0“ zu versehen, wird allmählich zum sofortigen Abturner (nicht wie in „Leibesertüchtigung“, sondern wie in „turned off“). So gesehen, begeht Cass Sunstein, Jura-Professor an der University of Chicago, einen bösen Marketingfehler, wenn er sein neues Buch „Republic.com 2.0“ nennt. Andererseits ist es eine Fortsetzung seines Buches „Republic.com“, und wir wollen ihm noch einmal verzeihen (zumal es die Unterzeile „Revenge of the Blogs“, die Rache der Weblogs trägt).

In einem hochinteressanten Interview mit Salon.com vertritt Sunstein ebensolche Thesen, die den Leser das, was in der us-amerikanischen Politik vorgeht, mit einem Mal besser verstehen lassen. Die Kernthese lautet (und das erschreckt doch ein wenig): Freie Auswahl beim Informations- und Meinungskonsum behindert den demokratischen Diskurs, sie fördert ihn nicht:

What sounded it was all the excitement about personalization and customization, hearing people saying, „This is unbelievably great that we can just include what we like and exclude what we dislike.“ …

There’s a book, „The Long Tail,“ by Chris Anderson, which celebrates the „niche-ification“ of the world. I like the book — I should say, I think it’s a very good book — but what’s amazing to me is the extent to which Anderson and the Internet enthusiasts really can’t even see a problem and can’t see the individual and social benefits of being exposed to stuff you didn’t choose.

Kurz gesagt: Wir suchen uns die Information, die uns in unserer Meinung bestätigt, und vermeiden solche, die unserer Meinung zuwiderläuft. Das habe ich auch schon in meinem Erststudium, irgendwann im letzten Jahrtausend, unter der Überschrift „Kognitive Dissonanz“ kennengelernt. Damals aber hatte man es mit einer bis drei lokalen Zeitungen und drei bis fünf Fernsehprogrammen zu tun, und die Möglichkeiten, Gegenläufiges auf technischem Wege einfach auszublenden, gab es nicht. Man musste sich schon aktiv taub stellen.

Heute stellt man den politischen Filter seines Feed-Readers oder – bei den technisch etwas weniger Versierten – seiner Bookmark-Liste auf „taub“, und schon ist man von allen Inhalten, die einen zum Nachdenken bringen könnten, zuverlässig geschützt. Weiteres Denken überflüssig

I don’t like that Rush Limbaugh listeners call themselves „dittoheads.“ It’s funny, but it’s kind of horrible. Fox News is a self-identified conservative outlet. The more extreme elements on the left treat their fellow citizens as if they’re idiots, or as if they’re rich people who don’t care about anybody.

Der Witz dabei ist: Ich rege mich hier über dieses Verhalten auf – und bekenne mich gleichzeitig schuldig, Euer Ohren. In meinem Feedreader spielt (das linksliberale) Salon.com eine Rolle, Bill O’Reilly von Fox News, der hochintelligente und m.E. brandgefährliche spinmeister auf der Seite der US-Republikaner dagegen keine. Sollte ich vielleicht ändern. Muss ich ändern.

Was Sunstein da beschreibt, trifft auf die US-Demokratie zu, auf unsere vielleicht noch nicht – möglicherweise, weil Medien wie Blogger hier noch nicht so polarisiert berichten und argumentieren. Wir sollten es aber auch nicht soweit kommen lassen.

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