Das Böse ist immer und überall

Es fing damit an, dass ich HTML-Mail bekam. Nicht die bunten Newsletters vom Wetterdienst oder vom SPIEGEL, daran hatte ich mich ja schon gewöhnt. Die HTML-Mail, die mir auffiel, kam dagegen von Menschen, denen ich es entweder nicht zugetraut hatte, überhaupt zu wissen, dass man Mail auch mit HTML formatieren kann, oder von denen ich gedacht hätte, sie seien viel zu seriös für solche Kindereien. Darüber hinaus war die Gestaltung der Mail einfach hässlich (auf die Idee, Times Roman und Arial in einer Mail zu verwenden, muss man auch erst mal kommen!), und ein guter Teil dieser Mail war so kurz, dass die Formatierung mehr Platz wegnahm als die eigentliche Nachricht.

Was war passiert? Nicht etwa aliens hatten die Welt übernommen (oder doch nur im übertragenen Sinne), sondern AOL hatte Version 6.0 seiner Zugangssoftware herausgebracht. Und plötzlich kann der eingebaute Mail-Client, was frühere Versionen der AOL-Software nie konnten: HTML-Formatierungen. Leider kann AOL-Mail jetzt nichts anderes mehr. Sprich: Jede Mail von einem Menschen@aol.com kommt künftig als HTML-Mail.

Gut. Das nimmt Bandbreite weg und verrät ggf. mehr über den Geschmack des Absenders, als dem lieb sein dürfte. Und?

Nun, einerseits gibt es – vor allem in Firmen, aber auch bei Privatmenschen – immer noch Mailsysteme, die mit HTML-Mail nix anfangen können; andererseits aber verweise ich auf das, was ich vorgestern erst in einem ganz anderen Zusammenhang geschrieben habe – die Sache nämlich, dass sich HTML-Mail (im Gegensatz zu reiner Textmail) ganz prima verfolgen lässt – durch ein transparentes 1-Pixel-Gif, unsichtbar eingebaut in die Mail, beispielsweise. Jedesmal, wenn jemand die Mail öffnet, um sie zu lesen, wird das Gif von einem fremden Rechner geladen, und der Inhaber des fremden Rechners weiss, dass und auf welchem Rechner jemand gerade diese Mail liest. Und mit ein paar Codezeilen mehr lässt es sich theoretisch auch bewerkstelligen, dass die Mailadresse des Empfängers an den Inhaber dieses fremden Rechners übertragen wird.

Theoretisch. Natürlich macht das keiner der lieben, ahnungslosen AOL-User, und auch AOL als solches macht es, den angeguckten Quelltexten zufolge, (noch) nicht.

Nun ist AOL aber – in den Augen eines i-workers „eine arrogante Drecksfirma“, in meinen Augen eher – ein Konzern, der sich, was das Ausweiten von Marktanteilen angeht, in einer Liga mit Microsoft befindet. Und früher oder später ist HTML sowas wie ein Mail-Standard.

Und wenn dann nicht einer, bei AOL oder anderswo, auf die Idee mit dem transparenten Gif kommt, erkläre ich mich bereit, „Ottos Mops“ von Ernst Jandl an dieser Stelle im Live-Audio-Stream aufzusagen. Deal?