Das Biotop

Ein Vorteil des Daseins als Alter Zausel™ ist, mehr oder weniger überzeugend behaupten zu können, es sei alles schon mal dagewesen. So gab es schon Zeiten, als yours truly seinen Facebook-Account deaktivierte, wie andere mit dem Rauchen aufhören: jede Woche einmal. Einmal habe ich sogar die Kündigungsmail abgeschickt – und mich doch wieder eingeloggt, bevor die Kündigungsfirst (wo, bitte, gibt es das im Social Web denn sonst noch??) griff, und so den Account wieder aktiviert und die Kündigung gekündigt.

Tscha. Und jetzt bekomme ich von allen Seiten dargelegt, warum man ohne Facebook glücklicher ist. Hier sind es Dan Yoders 10 Gründe, Facebook zu verlassen; besonders hübsch ist Grund No. 9:

Facebook’s CEO has a documented history of unethical behavior. From the very beginning of Facebook’s existence, there are questions about Zuckerberg’s ethics. According to BusinessInsider.com, he used Facebook user data to guess email passwords and read personal email in order to discredit his rivals. These allegations, albeit unproven and somewhat dated, nonetheless raise troubling questions about the ethics of the CEO of the world’s largest social network. They’re particularly compelling given that Facebook chose to fork over $65M to settle a related lawsuit alleging that Zuckerberg had actually stolen the idea for Facebook. (Der gesamte Text steht unter einer CC-Lizenz)

Dort legt Nico Brünjes dar, dass es ihm zu mühsam (und vermutlich immer noch zu unsicher) ist, den Schutz der eigenen Daten aktiv gegen Facebook zu verteidigen:

Ich hatte vor ein paar Wochen einfach das Gefühl, das nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Ich bin kein Emailausdrucker oder Offliner, aber ich hatte einfach keine Lust mehr Zeit darin zu investieren, meine Profildaten auf Facebook abzusichern. (keine Lizenzangabe, deshalb nach dem Fair Use-Prinzip zitiert)

Und dort (und nicht nur dort) lesen wir, dass Facebook zur Schadstoffschleuder erster Sorte mutiert:

Watch your Facebook wall today for gullible friends. If you receive some random, insignificant gift today from a Facebook friend for no reason at all, it’s a worm. Do not send it back. Do not touch it. Carefully hover over the wall post to the right, and then hit the Remove button as it appears.

Alles richtig. Alles Argumente, denen ich zustimmen kann. Und doch bin ich nicht in Versuchung, meinen Facebook-Account zu deaktivieren. Denn gerade in den letzten Wochen habe ich dort eine ganze Reihe von Freunden, Verwandten und Bekannten wiedergefunden, von denen ich lange nichts gehört habe, und fühle mich in dem allgemeinen Gesabbel, das da herrscht, diesen Menschen wieder mehr verbunden.

Das ist der Nutzen, den globalisierte Menschen mit einer dito Verwandtschaft von Facebooks Angebot haben: Immer mehr der Menschen, auf die es einem ankommt, sind dort zu finden. Man nennt es, glaube ich, kritische Masse.

Also mache ich mit über 50 das, wozu Nico B. mit über 40 keine Lust mehr hat: Ich gucke regelmäßig meine Privatsphäre-Einstellungen an, setze sie regelmäßig auf den striktesten (oder zweitstriktesten) Wert, beteilige mich nicht an Farmville oder Mafia Wars, ignoriere sämtliche diesbezüglichen Einladungen und nehme auch keine virtuellen Geschenke an (hey, das ist der wichtigste Absatz für gewisse Facebook-Freunde: Lasst es – ich spiele da nicht mit!).

Wer mir was schenken will, kann gerne meine Postadresse haben.

Ja. es ist Arbeit. Ja, Facebook sollte sich seinen schmierigen Umgang mit seinen Nutzern (immerhin seinem Betriebskapital!) schleunig abgewöhnen. Und die Facebook-Welt bleibt trotzdem schmuddelig, was den Umgang mit persönlichen Daten angeht. Sobald sich ein Sozialnetz anbietet, das all das besser macht, packe ich meine Verwandtschaft und meine Freunde ein, und dann ziehen wir um.

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