Cavaliersdelikt

Keine Politik, schon gar kein Fussball – der Anlass für diesen Eintrag ist ein Beitrag in der Washington Post vom Sonntag, der Zeitung, die ich auch mehr als vier Jahre nach dem Ende meines Papier-Abos noch im Netz die Treue halte. Gerade die Sonntagsausgabe der Post bereitete mir damals soviel Lesevergnügen, dem Umfang und der Schreibe geschuldet, dass ich gelegentlich von morgens, neun Uhr, bis über Mittag hinaus nur Zeitung las.

Cavalier 2003Heute nun wieder so ein Beispiel für den erreichbaren und in diesem Lande doch viel zu seltenen Qualitätsjournalismus: A Cavalier Attitude, eine Reportage über Cavalier-Fans. Um dieses Lesestück voll zu genießen, braucht man etwas Zeit (das Stück ist über fünf Klickseiten verteilt!) und das Wissen, dass der Chevrolet Cavalier (Abb. bdebaca, Lizenz) zwar eines der erfolgreichsten US-Automodelle, aber gleichzeitig auch eines der schlechtesten in den USA gebauten Automobile war: billig, klapprig, schwachbrüstig (hatte selbst mal einen als Leihwagen. Weia!).

Das kann man so formulieren, wie ich es gerade getan habe – direkt, plump, ein wenig teutonisch. Man kann es aber auch formulieren, wie es Post-Reporter Neely Tucker tat:

The Cavvy wasn’t even bad enough to be a joke, like the AMC Gremlin, or a kitschy embarrassment, like the Chevette. It was just the cur of the compact rental fleet at the Airport at the End of the Mind, the joyless perk of the junior sales exec, the Motel 6 of the American automobile.

Wow. „…at the Airport at the End of the Mind…“ – poetischer kann man die Gottverlassenheit eines Autoverleihs nicht beschreiben, der Cavaliers verleiht (ich hatte meinen damals übrigens von Avis, aber das nur nebenbei). Und so geht die Geschichte von Josh Detorie, der seinen Cavalier heute noch pflegt, pimpt und liebhat, auch weiter. Noch eine Leseprobe:

Detorie has his blue neon lights on the Cav, the doors open, talking, laughing, smoking. Sunday night, work looming tomorrow morning, the outer suburbs, a place in America where everything seems so real and so little seems possible.

Ich gebe zu, ich sentimentales Tränentier hatte bei einigen der Zeilen Tränen in den Augen. Weniger heulsusigen Menschen mit Sinn für gutes reporting und passablen Englischkenntnissen sei die Lektüre hiermit empfohlen.