Bye, ’scape!

Rum ist die Nachricht ja schon ein paar Tage: In weniger als einem Monat stoppt AOL den Support für Netscape, womit der Urbrowser so tot ist wie ein Türnagel (Charles Dickens). Sogar der SParGEL verabschiedet sich tränenreich vom ersten nennenswerten Browser, und das allein sollte Grund genug sein, die Klappe zu halten und zur Tagesordnung überzugehen.

Das Ding ist nur: Mit einer dicken Erkältung am bzw. im Hals und ein paar Tagen Resturlaub hat der Mensch keine Tagesordnung, und so gehe ich doch in Gedanken meine Erfahrungen mit Netscape durch.

Netscape war nicht mein erster Web-Browser. Schon 1994 meinte ich, nach Alternativen zu Windows (damals in der Version 3.1) suchen zu müssen, und in OS/2 Warp war, wenn ich mich recht erinnere, eine IBM-Abart des ursprünglichen MOSAIC-Browsers enthalten. Damit guckte ich mir damals schon Toms Comics auf der damaligen Seite der taz an, gehostet, glaube ich, bei der TU Berlin. Meinen ersten Netscape nutzte ich erst ein Jahr später, zurück auf Windows, und es war Netscape 2.0, in einer Test- oder Studentenversion, denn für die Vollversion eines Browsers wollte man damals noch Geld. Was mir von 2.0 und später von 3.0 in Erinnerung geblieben war: Das WWW war eine reichlich graue Angelegenheit damit, da die meisten Webseiten noch ohne Hintergrundfarbe daherkamen und Netscape sowas eben grau darstellte. Der AOL-Browser (ja, ich gebe es zu: auch ich war mal AOL-Kunde) stellte das viel bunter und dank AOLs Kompressionstechniken auf meinem 16farbigen Subnotebook auch viel erträglicher dar als Netscape. Trotzdem nutzte ich vorwiegend den „richtigen“ Browser.

Es folgte der Wechsel nach USAland, und kurz darauf der zu Netscape 4, was – wie mir Zeitgenossen bestätigen können – ein Monster war im Download, in der Installation und – zumindest anfangs – in der Häufigkeit, mit der ein Absturz im Erscheinen des Feedback Agent endete. Netscape 4 war ein solcher dog von Browser, dass ich doch glatt anfing, den anderen Browser which shall not be named here zu nutzen, und auf der Suche nach einem Nicht-Microsoft-, Nicht-Netscape-Browser schon 1998 bei Opera landete, dem handgestrickten Norwegerbrowser, damals in der Version 3. Die kostete damals, ebenso wie Version 4, und doch bezahlte ich beide und nutzte sie bei allen Schwächen, die sie gegenüber IE und Netscape hatten (speziell der Plugin-Support war, öhm, unterirdisch) immer noch mehr als den Browser which shall not be named here. Gleichzeitig wartete ich auf Netscape 5, mit dem alle Probleme der 4er -Version beseitigt sein sollten.

Netscape 5 kam nie zustande, über Netscape 6 freute ich mir in einem meiner allerersten Blogeinträge in meinem allerersten Weblog (worldwideklein.de) einen Ast – ungefähr zwei Wochen lang, dann war klar, dass Netscape 6 mehr Flöhe hatte als ein Straßenköter, und ich kehrte zu den Norwegerbrowsern zurück.

Es kamen Netscape 6.1 und 7, und ich hatte die Nase voll von den Versuchen, nutzte lieber frühe Versionen von Phoenix, der dann zuerst zu Firebird und schließlich zu Firefox wurde. Netscape 8 fiel aus für mich, da es den nur für Windows gab, einem Betriebssystem, das ich zu der Zeit nicht mehr nutzte, wenn ich es vermeiden konnte, und Netscape 9 erwischte mich vor einem halben Jahr kalt: Ach, den gibts noch?

Nun nicht mehr. Auch egal. Die Netscape-Geschichte war spätestens seit den ersten Schüssen im ursprünglichen browser war nur eine Abfolge von technischen und unternehmerischen Fehlentscheidungen – mit der einen Ausnahme, den Code zu open source-Software zu machen. Das immerhin versorgt uns bis heute mit brauchbaren Browsern bis hin zu Camino, dem Browser, in dem ich diesen Beitrag schreibe.

Und im Grunde ist ein Browser nur ein Trumm Software, und mir leuchtet gar nicht ein, wie man vor Jahren noch leidenschaftlich im Netz diskutieren konnte, welches denn nun der richtige Browser sei.