Bye, MiniDisc!

Sonys erster MD-Recorder
Sonys erster MD-Recorder

Ach, die gibt’s noch, dachte ich, als ich heute den Kurznachruf auf Sonys MiniDisc bei Wired.co.uk las. Und sofort wanderten die Gedanken zurück ins letzte Jahrtausend, als Sony noch mächtig und seine Innovationen noch viel versprechend waren. (Photo: Wikipedia-Autor Nixdorf – CC-Lizenz)

Kennengelernt hatte ich die MiniDisc noch als Radiomoderator an der Selbstfahrer-Schießbude, in einer Zeit, als Musik noch nicht vom Server kam, sondern mit der Hand auf- (analoge Schallplatten!!) oder ein-gelegt (CDs) wurde. Damit wir die Werbung ebenfalls selbst abfahren konnten, bekamen wir die Werbeblöcke auf MiniDiscs angeliefert, wiederbeschreibbaren, in durchsichtigen Cartridges rotierenden magneto-optischen Speicherscheiben, und es dauerte nicht lange, bis auch Jingles auf MiniDiscs ins Studio kamen.

Wenig später rettete mir Sonys Technik, nun ja, nicht das Leben, aber zumindest einen größeren Auftrag, den ich als Korrespondenten-Anfänger in den USA an Land gezogen hatte. Ich war für einige Radio-Interviews in New York (sprich: rund 250 Meilen von der home base entfernt), als mir, zwanzig Minuten vor dem nächsten Termin, beim Aussteigen aus einem New Yorker Linienbus mein treues Reportage-Cassettengerät (für Kollegen: TCD5-Pro, ebenfalls aus dem Hause Sony!) auf das harte New Yorker Pflaster knallte und keinen Mucks mehr von sich gab.

Panik. Es war 1997, Walkmen mit Aufnahmefunktion (liebe Kinder, „Walkman“ hießen zu dieser Zeit Cassettenabspieler, die nicht viel größer als Audiocassetten waren. Und was Audiocassetten waren, erklärt euch sicher gerne eure Mutter.)… wo war ich? Also: Walkmen mit Aufnahmefunktion boten eher Hobby-Qualität als irgendwas Ernstzunehmendes an. Woher sollte ich also, selbst in New York, innerhalb von Minuten ein Aufnahmegerät mit halbwegs annehmbarer Qualität herbekommen?

Gegenüber der Bushaltestelle (in New York gibts alles!) sah ich eine Filiale einer Elektronikmarktkette und lief mehr oder weniger verzweifelt hinüber. In der Audio-Abteilung fand ich dann, wovon ich bis dahin nicht wusste, dass es das gibt: einen tragbaren MiniDisc-Recorder für nur (schluck) US-$ 348. Er war nicht ganz so klobig wie das oben abgebildete Trumm, und er war in jedem Fall ein ganzes Stück kleiner als mein Cassettengerät.

Die restlichen zehn Minuten bis zum Interview-Termin verbrachte ich damit, zumindest die Aufnahmefunktion des Recorders kennenzulernen und mir eine Ausrede dafür auszudenken, dass ein professioneller Radioreporter mit so einem Spielzeug zum Termin aufkreuzt. Ersteres war wichtig, letzteres völlig überflüssig, weil mein Gesprächspartner entweder noch nie einen Radioreporter bei der Arbeit gesehen hatte – oder nur solche, die ebenfalls schon mit MiniDiscs arbeiteten.

Später entdeckte ich noch, dass man mit furchtbarem Fingergefrickel auf den winzigen Tasten Töne sogar schneiden und im Notfall einen einfachen Audio-Beitrag allein auf dem Recorder fertigstellen konnte.

Und warum wurde dieser Technik der Audio-Aufnahme, -Speicherung und -Bearbeitung nicht der gleiche Erfolg beschieden wie Sonys vorheriger Großerfindung, der CD?

Die Antwort habe ich in meiner eigenen Arbeit gefunden. Zwar nutzte ich die MiniDisc gerne für Aufnahmen; danach überspielte ich die Clips aber sofort auf meinen heimischen PC, auf dem (unter Windows 95, später 98) schon ein brauchbarer Audio-Editor mit dem uncoolen Namen CoolEdit 2000 lief. Der Rest ist digitale Geschichte. Sony war damals (wie heute?) im Geschäft mit Hardware zur Handhabung digitaler Medieninhalte; dass solche Inhalte mit Software besser, billiger und schneller zu bearbeiten sind, hat Sony erst lange nach seinen Kunden gemerkt.

Heute habe ich in irgendeiner Kellerecke noch eine Handvoll MiniDiscs, auf denen ich damals meine fertigen Stücke archiviert habe. Eigentlich kann ich sie wegschmeißen; ich habe keinen funktionierenden Player mehr, ich kenne auch niemand, der noch einen hat, und wie Wired.co.uk im ersten Absatz berichtete, gibt es bald auch keine mehr.

4 Gedanken zu „Bye, MiniDisc!“

    • Dem letzten Satz stimme ich vorbehaltlos, nahezu automatisch zu. Das mit dem Format mag auch eine Rolle gespielt haben; weil die MiniDisc es aber – zumindest zu dieser Zeit – noch nicht vom Audio- zum Datenmedium geschafft hatte (sprich: ich konnte meine Daten mangels anderer Möglichkeiten nur analog überspielen, was gegenüber der Arbeit mit dem Tape Deck keine Veränderung darstellte), spielte es in meiner Entscheidung damals keine Rolle. Und als wenig später brauchbare MP3-Recorder auf den Markt kamen, machte ich schon kein Radio mehr. (Was eigentlich schade ist…)

  1. Ich meinte nicht Deinen speziellen Fall. Ich habe auch mal auf dem Zaun gesessen und konnte mich nicht entscheiden, ob ich so ein Ding will. Damals musste man CDs mit einer SONY-Software in ATRAC konvertieren und überspielen. No go.

  2. Ich hatte auch so ein Ding (habe ich sogar noch mit einem Stapel MiniDiscs hier irgendwo liegen), das war der Vorgänger des iPods zum Musikhören beim Pendeln.

    Werde ich dann teuer verkaufen wenn das irgendwelche Retro-Heinis „cool“ finden werden, was ja zwangsläufig kommen wird. 😉

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