Brief an die (über)nächste Generation

München Hbf. (über 30 Jahre später)
München Hbf. (über 30 Jahre später)

München Hauptbahnhof, in den späten siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Student K. bringt seine flugängstliche Mutter zum Nachtzug nach Hamburg. Auf dem Bahnsteig treffen sie den (Dienst-)Reisebegleiter der Mutter, einen bekannten Fernsehjournalisten (OK, mehr als 20 Jahre nach dem Tod des Betroffenen ist es kein name dropping mehr – es war Robert Lembke). Und der erkundigte sich zunächst nach dem Berufsziel des Studenten K. und kommentiert dessen Antwort „Journalist“ dann mit der lapidaren Frage, ob ich, also der Student K., denn nicht lieber was Anständiges lernen wolle.

Damals hielt ich das für einen Routinewitz und lachte höflich. Inzwischen, nach über dreißig Jahren im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem unserer Republik, davon netto mehr als 23 im Status eines Festangestellten, erwische ich mich immer öfter dabei, jungen Menschen die gleiche Frage zu stellen und es nicht als Witz zu meinen.

Was ist passiert?

Zur Zeit des Treffens auf dem Münchner Hauptbahnhof war die deutsche Medienwelt noch in Ordnung. Es gab Zeitungen und Zeitschriften, und es gab die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Es gab zwar auch schon sowas wie das „Zeitungssterben“, von dem wir in Uni-Seminaren hörten, und das uns ähnlich exotisch wie das wenig später aufkommende „Waldsterben“ vorkam – beides war was für entlegende Gegenden wie die Pfalz oder den nördlichen Schwarzwald. Für uns mehr oder weniger urbane Journalistik-Studenten galt: Nach Abschluss von Ausbildung und/oder Studium würde sich uns eine glänzende Zukunft auftun, die uns bis an den Schreibtisch eines ARD-Programmdirektors, SZ-Chefredakteurs oder Internet-Experten der Deutschen Welle führen würde.

Konstantin Klein, DW Internet Expert
Konstantin Klein, DW Internet Expert

Ich habe den Internet-Experten erwischt (s. Bild – schluchz!). Aber das wusste ich damals noch nicht. Es gab ja auch noch kein (öffentlich zugängliches) Internet. Wir hatten nur btx und mussten alles zu Fuß.

Was ich sagen will: Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn war Journalismus vielleicht nicht die angesehenste Möglichkeit von allen, sein Geld zu verdienen. Mit Zukunftsangst hatte Journalismus – zumindest, wenn man das Abschlusszeugnis einer anerkannten Schule in der Tasche hatte – aber auch nichts zu tun.

Ich denke, das ist inzwischen anders geworden.

Ich sehe es vor der eigenen Bürotür, wo (also nicht direkt vor meinem Büro, aber doch im selben Gebäude) Volontäre, die beim Antritt des Volontariates schon mehr Qualifikationen haben als ich beim Abschluss meiner Ausbildung, nach anderthalb Jahren nur mit Glück in ein einigermaßen beständiges Beschäftigungsverhältnis übernommen werden können.

Ich sehe es am Verhalten deutscher Zeitungsverleger, die im Jahr 30 nach der Einführung besagten Bildschirmtextes immer noch keine Ahnung haben, wie sie mit der disruptive technology, die sich „World Wide Web“ nennt, fertigwerden sollen, die auf walled gardens mit Bezahlschranken setzen, über nicht existierende „Kostenloskulturen“ wettern, die Leistungsschutzrechte fordern (und zum allgemeinen Entsetzen bekommen) – und trotzdem keinen Plan für das wirtschaftliche Überleben einer ganzen Branche (und der in ihr beschäftigten Menschen) haben.

Ich sehe es auch am Verhalten der Programmverantwortlichen, die – auch wenn sie es nicht zugeben – Journalismus vielleicht als die wichtigste, aber nicht als die wirtschaftlichste Form des Programm-Machens ansehen und stattdessen lieber auf Unterhaltung und Talk setzen (ja, ich weiß, dass Talkshows auch als Journalismus durchgehen sollen). Ich sehe es schließlich an der Herausforderung an meinen eigenen Arbeitgeber, der seit zehn Jahren mit immer weniger Geld immer mehr journalistische Programme gemacht hat.

Und ich sehe es, wenn ich ins Netz gucke, in das Medium, in dem jeder eine Stimme hat, der eine haben will, und dort von den unglaublichen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berichten kann, denen sich ein Journalist heute gegenüber sieht, von den Möglichkeiten einerseits, mit einigen in der Hand gehaltenen Geräte journalistische Inhalte herzustellen und zu publizieren, und von den unsicheren und/oder beschämend niedrigen Einkommen, die damit zu erzielen sind – wenn überhaupt.

Auf den re:publicas, auf denen ich war, wie auf der diesjährigen, auf der ich nicht war, ist immer wieder von den Chancen zu hören, die das Medium Internet bietet, und „Machen!“ ist das Gebot, das ausgeht von Berlin. Ja, ist alles richtig, das. Es ist richtig, ein eigenes Blog zu schreiben, es ist richtig, neue mediale Präsentationsformen zu erfinden und zu entwickeln, es ist richtig, auch im 21. Jahrhundert noch Journalist/in werden zu wollen.

Es muss nur jedem und jeder klar sein, dass es mehr denn je ein Beruf für Idealisten ist, für Selbstausbeuter und Abenteurer, für solche, die nicht nur etwas zu sagen haben, sondern es auch können und wollen, selbst wenn es auf die Kosten der eigenen Lebensqualität geht. Garantien werden nicht gegeben, und Reichtum und Schönheit gibt es anderswo schneller und sicherer. Oder, um Robert Lembke zu zitieren: Wollt ihr nicht lieber was Anständiges lernen?

Update am nächsten Morgen: Auch anderswo beschäftigt man sich mit dem Thema. Paidcontent.org – Is it the best of times or the worst of times for journalism? Yes.

2 Gedanken zu „Brief an die (über)nächste Generation“

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