Brechende Nachrichten

Es kommt ja seit meinem Wechsel von der redaktionellen auf die technische Seite eines Medienbetriebs nicht mehr so häufig vor, dass ich mich direkt mit der Gewinnung, Aufbereitung und Verbreitung von breaking news beschäftige, aber gestern abend war es mal wieder so weit:

Rauch über dem AlexanderplatzEs war Tagesschauzeit und eigentlich kurz vor Feierabend, als ich aus dem Fenster meines Büros blickte und nebenstehendes sah: eine dicke schwarze Rauchwolke über – so sah es zumindest aus Blickrichtung Wedding aus – der Mitte/Ost der Stadt. Nun bin ich seit dem 11. September 2001, den ich in Washington DC im dortigen Studio meines damaligen wie heutigen Arbeitgebers verbrachte, ein wenig empfindlich gegen dicke Rauchwolken über Innenstädten, dachte deshalb mehr oder weniger laut „Scheiße“, bis mir einfiel, dass ich trotz offener Fenster keine Explosion gehört hatte. Meine erste öffentliche Reaktion danach: eine kurze Nachricht im Twitter.

Dann griff ich zur Digiknipse, machte Bilder und schickte sie einerseits zu flickr, andererseits zum Tumblr und machte mich dann an das, was mir von früher als „Recherche“ im Kopf geblieben war. Da ich kein Lokalreporter war oder bin und ein lokales Ereignis, als das sich der Brand in einem Kreuzberger Papierlager letztendlich herausstellte, meinen Arbeitgeber dank seines Programmauftrags nicht interessiert, hielt ich mich an Sekundärquellen, statt die Feuerwehr- oder Polizeipressestellen zu belämmern, und erfuhr rasch, was sich am unteren Ende der Rauchwolke wirklich tat: zum Glück nichts, was Menschen in großer oder auch nur kleiner Zahl direkt bedrohte, sondern nur ein Brand, wie er – mit weniger Rauchentwicklung – öfter in dieser Stadt vorkommt.

Womit die Sache für mich erledigt war; Ich postete noch schnell die vorläufige Auflösung des Rätsels um die Rauchwolke bei tumblr, flickr und Twitter (OK, allmählich sind diese Namen doch etwas zu albern!) und setzte den Abend wie geplant anderweitig fort.

Und finde ich jetzt, kurz vor dem Schlafengehen, hier eine trotz des Domainnamens („Pixelroiber“) absolut ordnungsgemäße, weil CC-konforme Verwendung eines der Bilder und einen Tweet von Jochen Hoff:

Dieser Brand ist nicht wirklich relevant, aber ist euch klar, dass so der Onlinejournalismus der Zukunft aussehen wird? Jeder zeigt es.

Aha. Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht genau weiß, ob der Autor das jetzt positiv oder negativ meint: Wieso eigentlich „der Zukunft?“ Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang sofort wieder an den 11. September vor siebeneinhalb Jahren. Damals hatte zwar noch nicht jeder eine Digiknipse, flickr war noch in weiter Ferne, und auch Weblogs waren noch eine Seltenheit, aber schon damals fand ein Teil der Berichterstattung „von unten“ im Netz statt, machten auch Amateurbilder rasch ihren Weg ins Netz und in die etablierten Medien.

Seither wurden die Mittel immer leichter verfügbar, und die Einstiegsschwelle für den Onlinejournalismus der Gegenwart – und nicht erst der Zukunft – ist heute so niedrig wie nie: Meine Bilder stammen aus meiner Handy-Kamera und sehen trotz Digital-Zoom noch halbwegs passabel aus. Und sie waren zwei Minuten nach der Aufnahme im Netz zu sehen.

Was ich dann vor dem Verlassen des Büros noch gesehen und inzwischen nachverfolgt habe, ist folgendes:

  1. Ein Ereignis wird wahrgenommen und veröffentlicht – zunächst noch ohne weitere Informationen.
  2. Diese Informationen werden von anderer Seite (im vorliegenden Fall der lokalen Presse) gesammelt und ins Netz gestellt.
  3. Um zumindest die grundlegenden Fragen (Was? Wann? Wo? Bin ich betroffen?) zu beantworten, werden diese Informationen mit den ersten Bildern verknüpft – unter dem Vorbehalt der Frische.
  4. Im Laufe des Abends übernehmen die Lokaljournalisten mehr und mehr die Sache, recherchieren, ersetzen die ersten Bilder durch bessere, mit ruhigerer Hand und aus der Nähe geschossene, und machen aus breaking news eine Geschichte.

Ist doch eigentlich alles so gelaufen, wie man es sich wünschen kann. Der Amateurjournalist, als den ich mich hier durchaus ansehe, da ich mir selbst nicht den Auftrag erteilen mochte, die Geschichte eines Brandes noch am Abend näher zu recherchieren, sorgt für die frühen Bilder und die Information zumindest eines begrenzten Leserkreises. Die Profis übernehmen dann die Knochenarbeit, das Ereignis so zu covern, wie es das verdient hat.

Aber: Wenn nicht rasch klar gewesen wäre, dass es sich nur um einen Brand wie viele andere gehandelt hätte, hätte ich die Sache auch durch den Abend verfolgt. Soviel ist vom Profijournalismus schon noch in meinen Adern.

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