Blue Electric Manifesto

Das derzeitige brouhaha um flickrs neue Auffassung von Meinungsfreiheit hat nicht nur mich zum Nachdenken gebracht. Im Laufe dieses Nachdenkprozesses sind mir ein paar Gedanken wieder eingefallen, die ich mir zum beabsichtigten Umstieg von bluelectric 1.0 auf bluelectric II (wir erinnern uns: hat nie stattgefunden, das hier ist immer noch bluelectric 1.5) gemacht hatte. Hier sind sie:

  • Das World Wide Web ist 15 Jahre alt und in dieser Zeit weit gekommen: von der Plattform für wissenschaftlichen Gedankenaustausch über den Marktplatz einer ganzen, so genannten New Economy, einer ernst genommenen Konkurrenz zu konventionellen Massenmedien bis hin zur Spielwiese für social software, auf denen Dienste wie flickr, Plazes und viele andere aufbauen. Entsprechend dieser Entwicklung wandelte sich das WWW vom Medium für multiplen Austausch (viele arbeiten zusammen und tauschen ihre Arbeitsergebnisse aus) zur medialen Einbahnstraße (die „Neue Medien“-Auftritte alter Medien), zur Interaktivität eines Quelle-Katalogs und wieder zurück zum kollaborativen Phänomen, diesmal mit hochgradigem Spaßfaktor.
  • Weblogs, inzwischen lange genug hochgejubelt, sind irgendwo unterwegs vom Lastauto gefallen: Trotz Kommentar- (seit es Weblogs gibt) und Trackback- (seit sie jemand erfunden und der Welt als the next big thing verkauft hat) Möglichkeiten haben die meisten Weblogs den Hauptcharakterzug der Alten Medien übernommen. Sie sind auf einer publizistischen Einbahnstraße unterwegs, nur wenig mehr interaktiv als die Leserbriefseite des SPIEGEL. Das einzige Novum: Seit ein paar Jahren muss der Mensch keine Aktiengesellschaft mehr sein, um (zumindest theoretisch) ein Millionenpublikum zu erreichen.
  • Das Web ist die Umsetzung der Idee des vernetzten Arbeitens – die meisten Weblogs sind es nicht.
  • Das Web ist (inzwischen) multimedial – die Mehrheit der Weblogs ist es nicht.
  • Das Web, wie von Sir Tim Berners-Lee erträumt, ist eine Sammlung relevanter Informationen. Das real existierende Web, und mit ihm die übergroße Mehrheit der Weblogs… nun, reden wir nicht darüber.
  • Das Web ist ein weitgehend rechtsfreier, da supranationaler Raum, und daran ändern auch lustige Disclaimer nicht. Eingeschränkt wird die Rechtsfreiheit durch das Urheberrecht und einige mehr oder weniger durchdachte Versuche, den Wildwuchs einzudämmen – doch das ist ein Kapitel für sich.

Aus diesen Vorüberlegungen ergeben sich die folgenden Postulate für ein mögliches besseres Leben als aktiver Netzbürger, der ein ideales (im Sinne von „noch nicht realisiert“, nicht unbedingt im Sinne von „gibt nix besseres“) Web Life lebt:

  1. Das Web Life ist kollaborativ – Austausch ersetzt Monolog.
  2. Das Web Life ist kooperativ – Inhalte werden geteilt, nicht eifersüchtig kontrolliert.
  3. Das Web Life ist relevantrants’n’raves haben vielleicht einen höheren Unterhaltungswert als Spam und dienen so der Verbesserung der Lebensqualität; der Nutzwert bleibt jedoch zu oft bescheiden.
  4. Das Web Life ist vernetzt – eine Änderung an Punkt A ist an Punkt B nachzuverfolgen. Statische Dokumente werden durch dynamische ersetzt, das kollektive Wissen ist auf dem aktuellen Stand, veraltete Inhalte sind als solche erkennbar.
  5. Das Web Life ist global – jeder Inhalt ist für jeden Nutzer auf diesem Planeten und darüber hinaus zugänglich und verständlich.

Diese Liste, die ganz sicher noch zu erweitern und zu vervollständigen ist, zeigt vor allem eins: Mit dem Web dieser Tage, auch dem Web 2.0, wie wir es jetzt wieder vorgeführt bekommen, hat sie wenig gemein. Ansätze mögen da sein, mehr aber auch nicht. Und schon die Seite, auf der diese Liste steht, erfüllt die meisten dieser Forderungen nicht.

Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an.

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