Bild dir meine Deinung

Entweder ist nix los in der Welt, oder ich habe mal wieder die Rolle der Bedeutung bzw. die Bedeutung der Rolle nicht mitgekriegt. Any way: Die Süddeutsche Zeitung, die es übrigens geschafft hat, ihren beeindruckenden papierenen Umfang überzeugend ins Netz zu übertragen (fast eine Minute Ladezeit mit einem durchaus wackeren 56k-Reisemodem!), brüllt mich heute morgen in ihrer gewohnt dezenten Art über die ganze Titelbreite an wie folgt:

„Springer und Telekom verbünden sich“

Zwei Spalten auf der Titelseite, zwei Vierspalter auf der Seite 2, dazu ein Kommentar (mit der beissenden Überschrift „Problematisches Bündnis“ – whoa! Nicht so brutal, bitte!).

Entschuldigung, aber ich raff’s nicht. Where is the news? Dass die Zeitung, die in dieser Republik die meisten Exemplare verkauft, sich zusammentut mit dem ISP, der in dieser Republik die meisten Accounts verkauft – logisch. Und der Vorwurf ist nicht diesen beiden erfolgreichen Anbietern von billiger, allerhöchstens viertelguter Massenware zu machen, sondern den andern, den wirklich guten Zeitungen (doch, die gibt’s!), den wirklich professionellen ISPs und Diensteanbietern, die es eben nicht schaffen, ihr Angebot attraktiv genug für ein Millionenpublikum zu machen.

These 1: Das Publikum en masse ist eben nicht grundsätzlich zu blöde, um ernstgenommen und mit hochwertigen Inhalten versorgt zu werden.

These 2: Es ist bequem, sich in eine elitäre Kuschelecke zu verziehen und über die Verblödung des Massengeschmackes zu schmollen.

Und wenn wir schon mal beim Stichwort „elitär“ sind: Es ist seit mindestens einem Jahr Mode, Jungspundautoren wie Christian Kracht („under construction“ – juhu, ein Fall für den Baustellenverein!) oder Benjamin von Stuckrad-Barre zu hassen. Speziell die von den Genannten und anderen verkündete Abschaffung der Ironie hat viele getroffen, die mit dieser Ausdrucksform selber so ihre Probleme haben. Ich habe von den Herren nichts gelesen (kann auch so schon nicht mehr mit meinen Bücherkäufen mithalten), schlage aber trotzdem folgendes vor:

Lasst sie (Kracht, Stuckrad-B. & Co.) im Sinne der obigen (Bild, Telekom) in Ruhe weiterarbeiten. Sie werden auch künftig ihr Publikum haben. Und ich werde auch künftig nicht darunter zu finden sein.

Ist das nun elitär or what?