Berliner Kindle

Andere mögen ruhig das feuchtkühle Maiwetter nutzen für „eine Wanderung oder eine gemeinsame Ausfahrt, bei der oftmals viel Alkohol konsumiert wird (Vatertagstour). Dabei hat man häufig traditionelle Ausflugspunkte als Ziel oder man tourt von Gaststätte zu Gaststätte.“ (Quelle) Ich nutze den Tag zwischen zwei anstrengenden Arbeitstagen in diesem Jahr vor allem zum Lesen – zum wilden, etwas wahllosen, aber genussreichen Lesen, wie es mein überhaupt nicht heimlich betriebenes Hobby ist.

„Generation A“ vom geschätzten Autor von „Generation X“ (aber er kann auch andere Titel!) Douglas Coupland (der übrigens zu meiner Überraschung in Deutschland zur Welt gekommen ist – Quelle) spielt in einer Zukunft, nicht allzu fern von unserer Gegenwart, in der es aber keine Bienen mehr gibt – weshalb es umso mehr Aufsehen erregt, wenn kurz hintereinander fünf Menschen an fünf ganz verschiedenen Stellen auf unserer Erde von Bienen gestochen werden.

Mehr kann ich über dieses Buch bisher nicht sagen, weil ich gerade erst ein gutes Viertel des Buches geschafft habe; ich habe ja noch einen dreiviertel Feiertag vor mir. Aber das hier ist auch keine Buchbesprechung im klassischen Sinne. Es geht nicht um das Buch als künstlerisches Produkt, sondern um das, was ich beim Lesen in der Hand halte. Denn „Generation A“ ist das erste Buch, das ich mit meinem 51 Jahren als e-Buch, und mit Genuß, lese. And boy, does it feel wrong, in so many ways.

Bücher waren das erste kreative Produkt der menschlichen Kultur, das wir massenweise erwerben, verschenken oder auch behalten konnten, in dem wir herumkritzeln konnten, wenn uns danach war, oder das wir in der Luft zerreißen konnten. Wir zahlen keine Lizenzgebühr zur Nutzung eines Buches, wir kaufen das Ding einfach.

Oder eben nicht. Die Alternative ist, sich das Buch in seiner reinsten Form, als Daten, die seinen Inhalt repräsentieren, zu besorgen und als e-Buch zu lesen. Und – blam! – schon ist das Buch zum content degeneriert, mit einem Digitalen Rechtemanagement belastet, das es dem Verkäufer sogar ermöglicht, den Kauf nachträglich rückgängig zu machen und das Buch dem Käufer wieder wegzunehmen. e-Bücher dieser Art kann der Mensch nicht mehr verschenken nach Belieben, kann man nicht mehr bekritzeln oder in der Luft zerreißen. Dafür kann man sie löschen. Spurlos. Und Bäume sterben auch nicht dafür.

Da ich schon frühere Versuche mit der PDF-Ausgabe des gedruckten SPIEGEL auf dem Bildschirm des heimischen Mac mit steifem Genick und tränenden Augen aufgegeben habe, überlasse ich es anderen, fiebernd auf iPads, weTabs und andere Lesegeräte der nahen Zukunft zu warten. Ich habe meine Seele stattdessen einem Giganten und mir ein Kindlegekauft, vermarktet und vertrieben vom Internetkaufhaus meines Vertrauens. And again, it feels wrong in many ways – aber so, dass es schon wieder gut ist.

Um die Ecke der Geschichte wartet das iPad, mit strahlendem, hochauflösendem Bildschirm, der mich mit Fingertipp durch Bücher blättern lassen wird – und ich lese monochrom, mit 16 Graustufen, auf einem ePaper-Bildschirm, dem es völlig wurscht ist, wenn ich mit meinen Fingern darauf herumfahre, sondern nur auf Tastendruck reagiert? Wie 2003 ist das denn?

Kommen wir zu den Gründen, warum ich das mache – und nein, „weil es geht“ gehört diesmal nicht dazu.

  • Für einen Vielleser wie mich nicht ganz unwesentlich: In einem Gerät von Taschenbuchgröße, dünn wie ein dünnes Taschenbuch, leicht wie ein Taschenbuch, kann ich nicht nur ein Buch mitnehmen, sondern viele. Gut für lange Bahnfahrten, Urlaube etc. 
  • eBücher sind oft (wenn auch nicht immer) billiger als gedruckte. Und ich muss den Kindle (das Kindle?) nicht mit den 1500 Büchern vollstopfen, die plusminus draufpassen, um den Kaufpreis für das Gerät wieder herauszuhaben.
  • Für einen Genußleser wie mich sogar wesentlich: Der ePaper-Bildschirm ist in all seiner monochromen Herrlichkeit für das Auge viel angenehmer als ein noch so strahlender Monitor.
  • Für einen unbeherrschten Leser wie mich sensationell: Ich kann ein Buch bestellen, und gerade mal eine Minute später ist es da, via UMTS, Übertragung im Preis inbegriffen. Dieses feature wird mich in den Ruin treiben.
Gut, ich habe mich mit dem Kindle an Amazon gefesselt; zwar kann ich die gekauften Bücher als Backups kopieren, aber lesen kann sie niemand, der nicht Zugang zu meinem Amazon-Account hat, und niemand ohne Kindle oder Kindle-Software auf einem Zweitgerät. Die Fesselung an Amazon ist mir aber nicht neu – die vielen englischen Bücher, die ich lese, (ach ja: Amazon liefert bis jetzt fast nur englische Bücher als Kindle-Ausgabe!) habe ich ohnehin immer darüber bezogen. Immerhin kann Kindle auch andere Formate darstellen, auch wenn das freie EPUB-Format bisher nicht darunter ist. Ich kann also auch Bücher, die als PDF oder HTML oder sogar als txt-Datei vorliegen, elektronisch lesen. Und – auch wenn das vielleicht eher von theoretischem Wert ist: Die Kindle-Software beruht auf Linux; der Quelltext ist öffentlich.
Bei allen angesprochenen Problemen: Mit dem Kindle komme ich mir vor, als würde ich ein Buch in der Zeit, in der „Generation A“ spielt, lesen: irgendwann in der nahen Zukunft. Mal sehen, wie das wird, wenn ich meine zweite Kindle-Erwerbung lese: Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika.

Update: Ein freundlicher Kindle-Nutzer hat mich auf Calibre hingewiesen, ein Stück Software zur Verwaltung von eBuch-Bibliotheken, mit dem man beispielsweise Bücher im vom Kindle nicht unterstützten EPUB-Format in das vom Kindle unterstützte mobi-Format umwandeln kann.