Beim Betrachten des Joghurts

Zu den wenigen Vorteilen des Strohwitwerdaseins zählt das Sonntagsfrühstück um 12:00. Man ist nicht gezwungen, befremdete Blicke ob der Uhrzeit oder des Umstandes, dass man erst zweieinhalb Stunden nach dem Aufstehen frühstückt, zu ignorieren. Man kann das Ei so hart oder so weich kochen, wie man es selbst gerne mag. Und man kann vor sich hinstieren, ohne dass man zur Konversation aufgefordert wird – wenn man von dem Gequatsche des Katers mal absieht, der Aufmerksamkeit will.

Erdbeerjoghurt

Es folgt der Auftritt des Erdbeerjoghurts, dem heute in der Phase des Vorsichhinstarrens meine Aufmerksamkeit galt – und ja, ich habe gemerkt, dass die Mindesthaltbarkeit gestern abgelaufen ist. Die Mindesthaltbarkeit… Kümmern wir uns heute nicht um Zahlen und Daten. Weil Sonntag ist. Kümmern wir uns stattdessen um den Serviervorschlag (im Bild am linken Rand des Etikettes).

Der Serviervorschlag ist ein sehr deutsches Wort – so deutsch, dass ihn Google ins Französische mit „serviette„, ins Englische mit „napkin“ und ins Finnische mit „lautasliina“ übersetzte, was zumindest im Falle von Englisch und Französisch den Verdacht weckt, dass Google nicht weiß, was ein Serviervorschlag ist.

Zum Glück hilft die (deutsche) Wikipedia weiter. Zum Thema „Serviervorschlag“ heißt es da:

Besondere Bedeutung hat die explizite Kennzeichnung als Serviervorschlag bei Abbildungen auf Lebensmittelverpackungen im Handel. Diese Abbildungen stellen im Allgemeinen tischfertige Präsentationen dar und werden daher häufig unter Zuhilfenahme von zusätzlichen Lebensmitteln (etwa Petersiliensträußchen zum Garnieren) oder bestimmten, im Zusammenhang mit dem Verzehr üblichen Utensilien (Besteck, Schüssel) angefertigt.

Aha. Ich kann also nicht damit rechnen, bei der Entfernung der Deckelfolie eine rosa-weiße Joghurtflut mit zweieinhalb prallen Erdbeeren vorzufinden.

Laut § 11 (1) des Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuchs (LFGB) liegt insbesondere dann eine Irreführung vor, wenn für Lebensmittel geworben wird oder diese in Verkehr gebracht werden unter Verwendung von Aufmachungen oder Darstellungen, die zur Täuschung geeignet sind.

Danke, unbekannter Wikipedia-Autor. Jetzt weiß ich auch, dass es ein Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch gibt, und ich fange erst gar nicht damit an, darüber nachzudenken, in welche dieser drei Kategorien mein Erdbeerjoghurt, der seine Mindesthaltbarkeit schon um einen Tag überschritten hat, wohl fällt. Stattdessen denke ich – ich sag’s ja: Strohwitwerfrühstück, und das Geistige kommt hier sowieso zu kurz – darüber nach, wieviele Becher von 150 g Inhalt, 150 kcal Brennwert und 15% Fruchtanteil ich wohl brauchte, um die abgebildete Joghurtflut überzeugend nachstellen bzw. servieren zu können; immerhin: die Zahl der Erdbeeren steht ja schon fest.

Machen wir’s kurz: Ich habe den Joghurt dann, ohne dem Serviervorschlag zu folgen, gegessen. Mit einem zum Verzehr üblichen Utensil, wie das Gesetz es befahl.

5 Gedanken zu „Beim Betrachten des Joghurts“

  1. Die existentialistische Betrachtung der des durch Milchsäurbakterien verdickten Getränks in allen Ehren: Die Geschmacksnote „Haselnus“ aber ist in aller Entschiedenheit abzulehnen. Nicht nur, das sie den in den Zähnen stakenden Nahrungsmittelresten – fälschlicherweise oft mit der gemeinen Erdbeere (Fragaria) verwechselt – gebricht: Nein, auch die zähe, schleimartige Konsistenz des Haselnussbreis ist eine zu Verachtende.
    Hochachtungsvoll
    Pantoufle, Vorsitzender der laktoseinkompatiblen Yoghurthhasser

    • Eine Berichtigung sei gestattet. Es ist durchaus nicht wahr, dass Haselnuss-Joghurt – wenn er denn richtig gemacht ist – nichts bietet, was zwischen den Zähnen steckenbleiben könnte. Der wahre Nussjoghurt, beispielsweise der, auf dem aus irgendwelchen Gründen „Der große Bauer“ steht, enthält reichlich Nussbruchstücke, die Brücken- und Implantatträger wie mich auf Stunden hinaus in den Irrsinn treiben können.

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