Banale Grande

Irgendwann stehen – dies ist nicht empirisch abgesichert, aber wir können ja so tun, als ob – alle twitterati vor der Herausforderung, anderen das Phänomen Twitter erklären zu müssen. Ein geschätzter Mitmensch hat die Schnauze voll, dem twitterato in Frage dabei zuzugucken, wie er, vor dem Bildschirm sitzend, in unregelmäßigen Abständen kichert/stöhnt/mit dem Kopf nickt oder denselben schüttelt und dann frenetisch auf die Tastatur einhackt, auch wenn diese Hackanfälle nie länger als 140 Anschläge dauern. Und dann kommen Fragen.

In der Tat. Wen interessiert es, dass einer in Berlin für andere Wäsche wäscht, ein anderer in Karlsruhe nicht Facebook-Nutzer ist, aber trotzdem friend requests bekommt, ein dritter in London sich darüber freut, dass er sein iPhone unlocken kann, und eine vierte in Hamburg spontane Zweizeiler über Christbäume auf Balkonen verfasst?

Niemand. Vielleicht mit Ausnahme des Christbaumgedichtes, aber ein bisschen Unschärfe ist immer dabei.

Zugegeben: Das alles, was über Twitter verbreitet wird, bringt die Menschheit als ganzes nur in den seltensten Fällen weiter. Sicher lassen sich in 140 Zeichen nicht viele bahnbrechende Ideen unterbringen (hätte Einstein „E=mc²“ getwittert? Ja, aber hallo!). Aber, wie ein anderer großer Geist, ebenfalls in weniger als 140 Zeichen, einmal sagte: „Relevanz ist Firlefanz“.

Zwischendurch schnell eine kulinarische Erkenntnis getwittert. Weiter im Text.

Aber: Nicht erst mit der Einführung der 140-Zeichen-Grenze war das Netz Schauplatz von Banalitäten (bis zum Absatz „Konstantin Klein“ scrollen – I enter a guilty plea), und wenn wir mal ganz ehrlich sein wollen, brauchen wir noch nicht mal dieses neumodische Internet dazu. Großraumbüro-, Kantinen- und (grusel!) Kneipengespräche fallen, betrachten wir mal the big picture, üblicherweise ebenso unter „Hintergrundgeräusch“, und selbst ein Kant, Hegel oder Nietzsche dürfte nach aller statistischen Wahrscheinlichkeit auch Bedeutungsloses von sich gegeben haben. Nicht unbedingt komisches, speziell nicht im Falle Nietzsche, aber bedeutungsloses.

Und das ist es, was Twitter wie jede andere Art von Gelegentheitskommunikations (Super! Zwei Tippfehler in einem Wort, aber ich konnte „Kommunikation“ schon nicht fehlerfrei schreiben, als ich noch Kommunak… Kommn… Publizistik studierte. Wo war ich stehengeblieben?)… also nochmal!

Gelegenheitskommunikation ist wichtig für den homo communicativus. Sie gibt dem Höhlenmenchen in uns die Sicherheit, nicht allein zu sein mit den Wölfen und Bären draußen und dem bevorstehenden Winter. Sie hilft uns von Zeit zu Zeit mit echter, wertvoller Information weiter, die wir auch anderswo bekommen hätten, nur nicht so schnell und so lustig. Und sie lässt uns Druck ablassen.

Das ist so banal wie das meiste, was man beim Twitterlesen zu sehen bekommt. Und genauso wahr.