Auto urban

Rücklicht-SharingDas Geständnis vorweg: Ich besitze ein Auto. Groß, schwer, geländegängig, und die meiste Zeit steht es nur rum. Verpestet in dieser Zeit freundlicherweise nicht die Luft, aber trotzdem. Es ist Zeit, über Alternativen nachzudenken.

Die nächstliegende Alternative benutze ich jeden Tag. Sie fährt mit großen gelben Fahrzeugen durch die Stadt und heißt BVG. Nun sind nächstliegende Alternativen nicht immer die spannendsten, und manchmal will man auch dahin, wo große gelbe Fahrzeuge selten sind. Weshalb der Testpilot in mir in den letzten Monaten (merke: Vor-Fahrradzeit!) sich mit sog. Car-Sharing-Firmen befasst hat. Sogenannt sind diese Firmen, weil sie kein Car-Sharing im eigentlichen Sinne betreiben; sie teilen ihre Autos mit niemanden, sondern vermieten sie schlicht – mit ein paar neuen Ideen.

Wer in Berlin lebt, ist hier klar im Vorteil: Hier balgen sich schon zwei der Carsharer um die Kundschaft, ein dritter bereitet sich darauf vor, mitzubalgen. Von allen dreien habe ich Kundenkarte bzw. Kundenchip in der Brieftasche, getestet habe ich zwei, weil car2go erst Ende April starten soll und vorerst noch Probleme bei der Kundenwerbung hat. Na gut, ein Problem.

Die Bahn

Kandidat No. 1 ist Flinkster. Flinkster wie der Fahrradverleih der Bahn, nur eben mit Autos, und ähnlich… nun ja, nicht so flexibel. Früher konnte man das Flinkster-Fahrrad nach Gebrauch irgendwo in der Stadt stehenlassen, wo es der nächste Benutzer aufpicken konnte. Heute will das Fahrrad zu einer Sammelstation zurückgebracht werden – und das Flinkster-Auto genauso.

Flinkster-Autos stehen entweder auf reservierten Parkplätzen am Straßenrand, in Parkhäusern oder auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz. Man reserviert sich den Flinkster per App oder im Netz und muss dabei auch angeben, wie lange man ihn behalten will. Geöffnet wird er durch Wedeln mit der Kundenkarte vor einem Lesegerät; im Handschuhfach finden sich dann Zündschlüssel und Tankkarte. Abgegeben wird der Wagen an der gleichen Stelle; nicht verbrauchte Reservierungszeit wird teilweise erstattet, Überziehen kann Ärger machen, wenn schon ein anderer den Wagen reserviert hat. Bezahlt wird nach Zeit und Kilometer, Sprit ist inbegriffen (deshalb die Tankkarte), und Wagen mit Werbelackierung sind billiger; vom Kleinwagen bis zum Lieferwagen ist alles im Angebot.

BMW i, Mini und Sixt

Der zweite Kandidat ist DriveNow, betrieben von BMW und der Mietwagenfirma Sixt. Hier gibt es nur Minis und 1er BMWs, die jeweils aber in einer Ausführung, die auch einen Automuffel zum Nachdenken und Träumen bringt. Und während Flinksters Geschäftsprinzip noch viel vom klassischen Mietwagengeschäft hat, ist DriveNow wie seine angepeilte Kundschaft: urban, spontan, beweglich und unberechenbar.

Die Autos stehen nämlich nicht an festen Stellplätzen, sondern – siehe Flinkster, das Fahrrad – dort (innerhalb des Berliner S-Bahnringes, mehr oder weniger), wo ihn der letzte Benutzer abgestellt hat. Geortet werden die Autos ebenfalls per App oder im Browser; gebucht werden können sie nur eine Viertelstunde im Voraus, was in einem Testfall schon zu einem Eilmarsch in einer Gegend der Stadt, in der nur ein Drive-Now Auto stand, geführt hat.

Geöffnet werden auch sie per Wedeln mit dem Kundenchip, der auf den Führerschein geklebt wurde (was bei meiner Uraltpappe von 1976 etwas anachronistisch aussieht). Innen begrüßt einen ein Android-Navi mit Namen, fragt, ob der Wagen sauber und/oder beschädigt ist, und bietet danach Navigation oder einfach die Ortung auf Google-Maps an. Gestartet und gestoppt wird per Druck auf den Starterknopf – und, bei einigen Modellen, beim Ampelstopp, was etwas verwirrend ist, wenn man nicht darauf gefasst ist.

Angerechnet wird nur nach Zeit: 29 Cent pro Fahrminute und 10 Cent pro Parkminute. Das Ergebnis ist billiger als ein Taxi, aber – logisch – teurer als die großen Gelben. Auch hier ist der Sprit inbegriffen, und hier werden die Autos sogar von Mitarbeitern aufgetankt, wenn grad keiner hinguckt.

Der urbane Fahrer

Billiger als ein Auto, das hauptsächlich rumsteht, sind Carsharing-Angebote allemal. Außerdem muss der Nutzer sich nicht um Werkstatt, TÜV und Autowäsche kümmern – für faule Säcke ein unschlagbares Plus. Der Nachteil: Außerhalb des Stadtverkehrs ist ein konventionelles Mietauto rasch billiger. Und: Man sollte auch als Berliner nicht allzu weit vom Stadtkern entfernt wohnen, sonst bleibt rasch wieder nur die BVG, oder das Taxi, oder der eigene Wagen, oder das Fahrrad.

Schön. Und – Achtungachtung, es spricht der Altgrüne, von dem ich bis gerade eben nicht wusste, dass er in mir wohnt! – es führt ein wenig in die richtige und ein wenig in die falsche Richtung. Ein Blick auf die App nach dem Abstellen eines DriveNow-Minis zeigt, dass der Wagen oft schon nach einer halben Stunde wieder genutzt wird; die Autos werden also intensiver gefahren als (fast) jedes Privatauto. Es bleibt trotzdem ein Auto, das Abgase ausstößt und Straßenraum wegnimmt, und schneller als eine S-Bahn U-Bahn-Fahrt durch die Stadt ist der Mini oder auch der Flinkster nicht. Der urbane Mensch des 21. Jahrhunderts hat aber mit diesen Angeboten eine weitere Ausrede, nicht auf den Bus warten zu müssen.

Der Wagen, der im Hof steht, der große, schwere, gerät unterdessen zunehmend in Rechtfertigungszwang.

4 Gedanken zu „Auto urban“

  1. Danke. Brauch ich dazu ja nichts mehr ins Netz schreiben. Bin seit heute DriveNow Kunde, habe meinen ersten Abend mit einer wilden Verbundfahrt im Innenstadtbereich hinter mir und find das Konzept genial.

    Der große schwere Oldtimer in der Garage, auch er gerät in Rechtfertigungszwang.

  2. Lieber Konstantin,
    es gibt keine „Vor-Fahrrad-Zeit“. Nach dem Muster des beliebten schläfrig-holsteinischen
    Satzes „Schlechtes Wetter gibt es nich, es gibt nur falsch angezogen“. Man kann – bis auf
    die vielleicht 20 bis 40 Tage im Jahr, an denen Schneeglätte / Eis herrschen – buchstäblich
    immer Fahrrad fahren. Die Emissionen sind nahe null (wenn wir mal gewisse methan-emissionen aufgrund der sportiven Anstrengung außer acht lassen), man sieht viel von der Stadt, man
    gesundet geschwindestens. Gut. Manchmal sind die Strecken zu weit. Dann kann man ja entweder mit Fahrrad in der SBahn abkürzen – oder sich auf längere Sicht fragen, ob ein Elektrofahrrad klug wäre. Was natürlich bei all dem unbeachtet bleibt, ist der Spaß am Autofahren. Den gibt es ja auch. Und verboten ist es ja nun mal noch nicht. Noch nicht mal mit meinem dicken benzinschluckerischen Lieferwagen (ich will beim „Ökosau des Jahres“-Contest mitmachen, den ihr da mit die dicken Autos entfesselt habt.).

    Herzliche Grüße von
    Klaus

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