Ausrutscher

Die Themen des Tages: Der Lotto-Jackpot (nein, nicht gewonnen). Google hält das Internet für schädlich (ja, auch darüber gelacht). Die Republik steigt ins Bankgeschäft ein (ach was!).

Sorry, Welt, aber mich beschäftigt seit dem samstäglichen Frühstück ein Artikel aus der Berliner Zeitung von diesem Wochenende: „Ganz normale Ausrutscher“ von Gunda Wöbken-Ekert. Kostprobe – der erste Satz:

An einem Nachmittag vor zwei Jahren beschloss mein Mann, Fremden nicht mehr zu erzählen, dass er den Holocaust überlebt hat. 

Es folgt die Beschreibung eines Zufallstreffens, in der auf die Erwähnung des Holocaust der Satz fällt: „Meine Eltern haben auch sehr gelitten, in den Bombennächten, das war nicht leicht.“

Es ist nicht das einzige Mal, dass Frau Wöbken-Ekert diesen Reflex beobachtet – durchaus nicht (immer) als Relativierung des Holocaust gemeint, aber doch genau so empfunden. Und sie beschreibt viele weitere Begegnungen im Deutschland von heute.

„Woher haben Sie Ihre Informationen?“, fragte sie. Ich erzählte ihr, dass ich als Journalistin mehrere Zeitungen läse, Magazine, das Übliche. Die deutsche Presse, sagte sie mit bestimmtem Ton, sei gleichgeschaltet. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. „Die Juden halten über allem ihre Hand“, sagte sie. Und ihr Mann ergänzte, „das internationale Judentum, wissen Sie?“ 

Mein Mund wurde trocken.

Meiner auch, als ich das las. Gunda Wöbken-Ekert berichtet, wie (wieder) salonfähig zu werden scheint, was lange als verboten empfunden wurde – offenbar nur aus political correctness, nicht aus Überzeugung. Sie berichtet, dass der Satz „Das ist doch schon so lange her“ als Argument genutzt wird, dass – im Grunde völlig irrsinnig, sowas – deutsche Staatsbürger, die jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens sind, für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht werden, und dass

17 Prozent der Deutschen glauben, dass „die Juden einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich haben und nicht so recht zu uns passen“, und jeweils beinahe ein Fünftel denken, dass man die Juden an ihrem Aussehen erkenne und dass sie nicht ganz unschuldig an ihrer Verfolgung waren.

Wie sich das wirklich verhält mit der Eigentümlichkeit, habe ich während meiner Jahre in den USA (1996 – 2003) gelernt. Dort wurde ich wiederholt gefragt, wie ich als Jude in Deutschland leben könne. Mein vermutetes Judentum machten die alten Damen, die mich das fragten, nicht an meinem Akzent fest, nicht an Äußerlichkeiten, nicht an der Kippa, die ich nicht trage. Zum Juden machte mich mein Nachname: „Klein“ gilt in den USA offenbar als jüdischer Familienname.

Ich habe versucht, den alten Damen, Überlebenden des Holocaust, zu erklären, dass Deutschland, dass die Deutschen in den Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg dazugelernt hätten. Die Damen waren mehr oder weniger skeptisch, mehr oder weniger freundlich zu mir.

Seit 2003 lebe ich nun wieder in diesem Land. Und seitdem frage ich mich, sooft das Thema zum Thema wird, ob ich damals die alten Damen an- und mir selbst in die Taschen gelogen habe.

Seit gestern morgen frage ich mich das wieder. Ich erteile keine Lesebefehle, ich bitte darum: lesen!

Und ich bitte darum, jetzt keine Diskussion anzufangen, in der gegeneinander aufgerechnet wird. Es gibt nichts gegeneinander aufzurechnen, nicht den Holocaust, nicht den Krieg im Nahen Osten, nicht Gaskammern,  Bomben, Raketen, nichts. Es gibt in diesem Zusammenhang nur Tod und Vernichtung, nur die Schuld der Täter, das Leid der Opfer und Verantwortung für uns alle, wirklich alle – und die sind absolut.

(Photo: Juanseto. CC-Lizenz)