Antrag zur Geschäftsordnung

In Sachen „Die Piratenpartei vs. Sascha Lobo“ (war das nicht eher umgekehrt: S.L. vs. Piraten?) ist inzwischen so ziemlich alles gesagt worden.

Nur noch nicht von jedem.

Ich schlage deshalb vor, dass wir die Diskussion an dieser Stelle beim Stand: „Lobo findet das Programm der Piratenpartei unzureichend, weil auf den Punkt ‚Kostenfreie Downloads‘ reduzierbar, findet die Partei und ihre Vertreter vor allem kindergartig und findet außerdem, dass eine Partei mehr als ein Thema haben sollte, um eine Partei sein zu können; die Piratenpartei findet im Gegenzug Sascha Lobo doof, käuflich und was nicht alles“ beenden. Begründung: Die Diskussion langweilt mich schon wenige Tage nach ihrem Beginn. Ganz fürchterlich.

Stattdessen sollten wir uns mal ernsthafte Gedanken über die Zukunft des Urheberrechts, der Vergütung für Kreative, der kommerziellen Be- und Verwertung von Inhalten machen.

These are the facts:

  • Neue Technologien haben die Expropriateure expropriiert. Karl Marx selbst würde sich nicht darüber freuen, dass die Maschinen zur Vervielfältigung von Inhalten am Beginn des 21. Jahrhunderts unkontrolliert in den Händen der Massen (das sind wir, folks!) sind; auch er hat seinen Lebensunterhalt u.a. damit verdient, dass Verleger ihn für seine Schriften bezahlten und ihrerseits für die Vermarktung sorgten.
  • „Das Wesen aller IT ist die Kopie“, sagt Kris Köhntopp und trifft damit den Nagel auf denselben. Während Kopien in den vergangenen Jahrhunderten immer nur mehr oder weniger nahe an das Original herankamen und damit fast immer als minderwertig anzusehen waren (und so ein kalkulierbares Risiko für den Inhaber der Rechte am Original darstellten), werden durch IT-basierte Systeme 1:1-Kopien ohne Qualitätsverlust möglich und verlustbehaftete Kopien in einer Qualität machbar, die den Vergleich zum Original schwer macht.
  • Damit – sorry, Jungs und Mädels in den Verlagen, in den Plattenfirmen, in den Filmverleihs – ist eine ganze Industrie, die distribuierende Industrie nämlich, quasi über Nacht weitgehend überflüssig geworden. Wir brauchen euch nicht mehr. Ihr habt es nur noch nicht gemerkt.
  • Distribution hat neue, distribuierte Wege gefunden. Der iTunes Music Store und andere legale Downloadmöglichkeiten auf Bezahlbasis haben das gemerkt und sich in dieser distribuierten Welt strategisch geschickt positioniert. Aber auch sie werden sich fragen lassen müssen, wie lange sie noch dazu beitragen wollen, dass Künstler von ihren alten Vertragspartnern ausgebeutet werden.
  • Weiterhin für kreative Leistung bezahlt werden müssen natürlich die, die diese Leistung erbringen: Autoren, Komponisten, Musiker, Schauspieler. Und wenn wir schon mal dabei sind: Vielleicht können sie endlich mal angemessen bezahlt werden?

Und da wird’s sauschwer. Die Möglichkeit, ohne Druckerpressen, Kopierstraßen, Logistikzentren geistiges Gut zu vervielfältigen und an den Verbraucher zu bringen, ist so plötzlich über uns gekommen, dass wir es bisher nicht geschafft haben, das jahrhundertealte, in der Vergangenheit durchaus bewährte und so plötzlich obsolet gewordene Verleger-System durch etwas neues, adäquates zu ersetzen. Deswegen schwirren jetzt Ideenfetzen hektisch durch den politischen Raum, von der Kulturflatrate über Micropayments bis hin zur Alternativen Künstlervergütung (wie auch immer die aussehen soll), sollen das über Jahrhunderte gewachsene System aus dem Stand ersetzen und können das nicht. Wie auch?

Auch die Piratenpartei hat in dieser Sache, denke ich, noch nicht ihr letztes Wort gesprochen – zumal ich persönlich den Eindruck habe, dass erst jetzt, nach dem Überraschungserfolg bei der Europawahl, in den Diskussionen in und um diese Partei beide Seiten, Kreative wie Konsumenten, gleichermaßen das Wort ergreifen.

Kann auch sein, dass diese Frage die junge Partei gleich wieder zerreißt. Aber das ist nicht die einzige Zerreißprobe, durch die sie in den nächsten Monaten gehen wird. Denn:

  1. Bisher waren die Piraten eine kleine Truppe, die, unbeobachtet von der Welt, ihr Programm aufstellten.
  2. Seit der Europawahl sind sie auf dem politischen Radar ihrer Konkurrenten von der etablierten Politik und auf dem der Medien angekommen. Jetzt kommt der Wind von vorne, und da muss durch, wer länger als nur ein paar Wochen Politik machen will.
  3. Und schon befindet sich die Partei dort, wo auch die Grünen sich – allerdings ein wenig später in ihrer Geschichte – bald befanden: am Kreuzweg zwischen Realpolitik und Fundamentalismus. Bei den Grünen ist der Streit bis heute nicht wirklich entschieden, und überlagert wird er inzwischen vom Machtwillen beider Fraktionen. Bei den Piraten sehe ich die Aufteilung in Downloader und Bezahler (oder wie die Fraktionen dann heißen werden) schon kommen; mal sehen, wie gut das der programmatischen Diskussion tun wird.
  4. Den Piraten ihren engen Themenfokus vorzuwerfen, finde ich dagegen ein wenig verfrüht, denn: siehe 1.

Für mich – als Arbeitnehmer im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem, als Kreativer und als Pirat – stellt sich jetzt die Frage, ob die Diskussion um Sinn und Unsinn einer Piratenpartei weiterhin nur die bisherige, mehr oder weniger gelungene programmatische Arbeit dieser Partei zum Thema hat, oder ob wir uns, verdammtnocheins, mal zusammensetzen und das eigentliche Problem angehen – das bisher bestehende völlige Fehlen eines globalen, gerechten und durchsetzbaren Urheberrechts nämlich.

Und nein, ich habe auch noch keine Idee, wie das aussehen könnte. Ich weiß nur, wie es nicht aussehen wird: wie das gegenseitige Herumkritteln, wie es unter anderem in der oben erwähnten Diskussion zwischen dem Herrn mit der bekloppten Frisur und der Partei mit dem bekloppten Namen zu beobachten ist.

Via web von Bluelectric ePost