Analog-Käse

We the Net People
We the Net People

Wg. der Sache mit den Adblockern: Einerseits verstehe ich meine Position (die ja nicht nur meine zu sein scheint, sondern auch die von vielen Mitmenschen, die in den letzten Tagen auf Adblock Plus aufmerksam geworden sind und ihn installiert haben) ohne jegliches Nachfragen und halte sie nach wie vor für absolut richtig. Andererseits entwickele ich allmählich ein gewisses Mitgefühl für diejenigen, die sich tatsächlich nicht vorstellen können, dass We the Net People durchaus bereit sind, für Qualitätsjournalismus (im Gegensatz zu drittverwerteten Agenturmeldungen) mit Geld und/oder Aufmerksamkeit zu bezahlen.

Um es nochmal zu erklären: Werbung an sich ist ein Geschäftsmodell, mit dem auch Nutzer eines Adblockers leben können, ohne es zwangsweise auszubremsen. Glaube ich wenigstens. Das Problem ist der Nervfaktor der letztendlich geblockten Werbung. Internetwerber, zumindest im deutschen Sprachraum, wollen eben nicht nur mit „ein wenig Bling Bling“ die Angebote finanzieren, sondern mit einer Riesenportion BLINGSCHEPPERDOINGTRÖÖTBLINKBLINK.

Eine Analogie, die manchem wie Käse vorkommen mag: Ich kenne das Verhalten von Reportern elektronischer Medien auf beiden Seiten des Atlantik. Meine Erfahrung, ungefähr seit 1989: In Deutschland warten Reporter auf sog. „Lunger-Terminen“ vor Sitzungssälen, Konferenzräumen oder auch Gebäuden, bis sich ein potentieller sog. „O-Ton-Geber“ blicken lässt. Auf den stürzen sich dann alle, drängeln sich um die beste Sichtposition, schubsen dem wehrlosen O-Ton-Geber die Puschel (die Windschütze mit den Senderlogos) ins Gesicht, die Fotografen brüllen „Mikro runter“, die Mikrohalter verfluchen die Fotografen wegen des verhunzten O-Tons, und es ist eine wahre Pracht.

In den USA (1996 bis 2003) habe ich die gleiche Lage immer anders erlebt: Auf Lungerterminen hat man schließlich genug Zeit, sich mit den Kollegen abzusprechen, baut die Kameras im Viertelkreis um ein gemeinsam genutztes Mikrostativ auf, zu dem der O-Ton-Geber dann höflich gebeten wird, alle haben einen ungestörten Blick auf den Sprecher und einen ungestörten Ton desselben und überhaupt sehr viel weniger Streß. Das Reportergedrängel habe ich dort nur in Filmen gesehen; es ist auch unnötig, denn bei Lunger-Terminen gibt es nun mal keine exklusiven Töne (außer man bittet den O-Ton-Geber schon vorher zum Exklusiv-Interview, aber das bekommen die anderen Lungerer ja nicht mit => wieder kein Geschubse).

Dezente Werbung des Boston Globe
Dezente Werbung des Boston Globe

Ungefähr genauso zivilisiert wie das Reporter-Verhalten auf Lungerterminen in Washington oder New York kommt mir das mit Menge und Daherkommensweise von Werbung auf amerikanischen News-Seiten vor. Verglichen mit dem, was ich auch auf den Seiten der Adblocker-Kampagnen-Teilnehmer SPON & Co. sehe, ist dort die Werbung fast ausschließlich dezent; da blinkt nichts, da spielen sich keine Töne unaufgefordert ab, da muss ich den Adblocker auch gar nicht bemühen (siehe Beispiel Boston Globe). Weshalb ich ihn für die Domains washingtonpost.com, nytimes.com und bostonglobe.com gerne abgeschaltet habe, wie es die Kampagnenmacher sich für spiegel.de & Co. so sehr wünschen.

Ein Hinweis für alle, die in den letzten Tagen so gegen Adblocker gepöbelt haben (ja, Herr Patalong, auch Sie sind gemeint!): Auf der Seite von Adblock Plus steht groß, deutlich und auch ohne Lesebrille erkennbar: „Adblock Plus – Für ein Web ohne nervige Werbung!“ (Hervorhebung von mir)

Capisce?

6 Gedanken zu „Analog-Käse“

  1. Exaktamente. Webseiten, die mir sympathisch sind und die wirklich verträgliche Werbung haben, habe ich auch in der whitelist. Es ist nicht so, dass ich gar keine Werbung haben will, aber es halt Fälle, die es übertreiben. Und dafür gibt es die Blocker.

  2. Als ich gestern versuchsweise auf Spiegel-Online mit einem Browser ohne Werbeblocker gegangen bin, blinkte mich gleich eine große Flashwerbung der INSM an. Soviel zum Thema „Qualitätsjournalismus“…

    Der Steisand-Effekt kommt wohl auch noch mit Schmackes um die Ecke, so sind wohl Downloadraten und Spendenaufkommen bei den Machern von Adblock Plus signifikant gestiegen. Auch entnehme ich den Forenkommentaren auf diversen Seiten, dass sich von den Anwendern nicht nur jetzt für Adblock, sondern auch für Ghostery, Flashblock, Noscript etc. interessiert wird.

    „EPIC FAIL!“, kann man da nur rufen.

  3. Hat man z.B. auf der Seite der Süddeutschen Zeitung Javascript deaktiviert, erscheint auch keine Aufforderung, den Adblocker abzuschalten bzw. die Seite der SZ zu ‚whitelisten‘. Aktiviert man nun Javascript, erscheint diese Aufforderung, und Ghostery meldet sogleich sage und schreibe 14 (!) Werbe- und Analyse-Tracker.

    Von dieser Art und Massivität der Leser-Durchleuchtung und -Verfolgung können sich wohl unsere heimischen mittelmäßigen Geheimdienste eine dicke Scheibe abschneiden.

    Danke nein, ich blockiere auf solchen Seiten weiterhin nicht nur lästige Werbung, sondern auch Skripte und heimliche Überwacher aller Art.

    Würde ich solche Presseerzeugnisse regelmäßig besuchen, wäre ich ob dieser Aufforderung richtig sauer und würde klar und deutlich ein ordentliches Geschäftsmodell zum Betrieb eines Onlinejournals einfordern. Sie hatten inzwischen zwanzig (!) Jahre Zeit dazu!

    • 14? Das ist happig. Vielen Dank übrigens für die Erinnerung an Ghostery; das hatte ich im letzten Jahr mal ausprobiert, und vielleicht ist es Zeit, es wieder zu tun.

  4. Nochmal zur Sache Werbung, Tracker und Konsorten:

    Ich habe gerade einmal getestet, wie es sich denn verhält z.B. auf Spiegel Online. Einfach, um mal zu ermitteln, worum es denn wirklich geht. Damit nicht unwidersprochen so verräterisch einfache Wahrheiten im Raum stehen bleiben, dass wir doch alle bitte Werbung nicht blockieren sollen, damit solche Nachrichtenangebote finanzierbar bleiben.

    Ich darf die Hilfsmittel vorstellen, die ich einsetze:

    Adblock Plus, Ghostery, NoScript (und BetterPrivacy, dessen Effekte ich jetzt außen vor lasse) sowie die Cookieverwaltung von Firefox.

    Alle genannten Hilfsmittel abgeschaltet, ergibt sich folgendes Ergebnis für die Spiegel-Online-Startseite:

    – 7 Skripte von Fremdseiten werden ausgeführt
    – 8 Tracker werden geladen
    – 12 Cookies werden gesetzt, davon 9 von Fremdseiten

    Ich klicke mich via Nachrichten-Hauptseite auf den heutigen Hauptartikel über Horst Seehofer:

    – 17 Skripte von Fremdseiten werden ausgeführt
    – 14 Tracker werden geladen
    – 23 Cookies werden gesetzt, davon 20 von Fremdseiten

    Worum sollte es beim geforderten Abschalten von Werbeblockern nochmal gehen?

    Ach ja, ich erinnere mich:

    Um größtmögliches User-Tracking zwecks möglichst umfassender Sammlung von Nutzer- und Nutzerverhaltensdaten.

    Mir scheint langsam, solche … ähm … Nachrichtenseiten sind eher Vorwand als unmittelbarer Zweck…

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