Ahoi! Oder auch nicht.

Seit Tagen befremdet mich meine Ausgeglichenheit, auf einmal fällt’s mir ein: Ich hab ja alle Mailinglisten der Piraten abbestellt!

schreibt twittert Bov Bjerg (mit dem ich eigentlich auch mal ein ruhiges Bier trinken gehen wollte will) und ist dabei nur ein ganz klein wenig ungerecht; denn zumindest auf der Berliner Piratenliste ist in den letzten Tagen eine ebenso auffällige wie angenehme, wenngleich nur relative Ruhe eingekehrt.

Kommt, laßt uns eine andere Partei suchen (und die Schnösel unter sich ihre Pubertätsspiele austragen). Etwas Besseres als die Piraten finden wir überall.

schreibt Jörg Kantel, wie Bjerg und yours truly ein Spätberufener unter den Piraten, ehemals (vermutlich, aber vielleicht bilde ich mir das wirklich nur ein) länger Sozialdemokrat als der designierte Parteivorsitzende, und er lässt in mir nur die bange Frage aufkeimen: Wo?

Dann gibt es noch Wolfgang Dudda und den Pantoffelpunk, die sich nach anfänglicher Begeisterung einer piratischen Realität gegenübersehen, mit der sie, sagen wir: weniger anfangen können, weshalb sie  ihre Mitgliedschaft ruhen lassen wollen.

Und es gibt mich.

Der Unterschied zwischen einem Dudda und mir ist, dass Dudda im Wahlkampf tatsächlich auf die Straße gegangen ist, während ich mich anderen Problemen widmete. Das Engagement der anderen kenne ich nur ansatzweise – was daran liegen kann und wird, dass meines nicht bemerkenswert war, wenn man von wohlwollender bis werbender Erwähnung der Piraten an dieser Stelle mal absieht. So gesehen, habe ich am wenigsten Grund zu meckern – hätte mich ja nur engagieren müssen, nechwa?

Jeder der hier angeführten, temporär oder permanent von Bord gegangenen Piraten hat seine Gründe – ob er sich angepisst fühlte von einem Interview des Vorsitzenden oder sich einfach dumm vorkam, die Piraten gegen Versuche, sie in die rechte Ecke zu stellen, in Schutz genommen zu haben und dann feststellen zu müssen, dass Mitpiraten dem Thema „Abgrenzung nach rechts“ erstaunlich wenig Bedeutung zumessen.

Meine Gründe…

… mich für die Piraten, wenn auch im kleinen Rahmen, zu engagieren, lagen in den Punkten, in denen sie eine klare Programmatik schon über Ansätze hinaus entwickelt hatten, in dem Engagement, mit dem zwei Wahlen quasi aus dem Stand heraus angegangen und mit respektablen Ergebnissen abgeschlossen wurden, in der Kreativität, mit der politische Aktionen und schließlich der Bundestagswahlkampf bestritten wurden – und in der Resonanz, die sie in einer schon als für die Politik verloren abgeschriebenen gesellschaftlichen Gruppe geweckt haben.

… mich für die nächsten Wochen und vielleicht Monate von der Piraterei zurückzuziehen, sind nicht in ihrem ARD-Prinzip („Alle reden durcheinander“) zu suchen, auch wenn ich das konzentrierte Mitlesen auf Mailing-Listen manchmal – und trotz der Hilfe geschickt gesetzter Filter – schon sehr anstrengend fand. Auch eine gewisse Blauäugigkeit im politischen Umfeld fand ich zwar irritierend, aber korrigierbar; ebenso fand ich die Aussage „Piraten machen alles anders, nur weil sie Piraten sind“ zwar charmevoll, aber nicht immer (‚tschulljung!) zielführend (ja, ich geh ja schon, mir den Mund mit Seife auswaschen!).

Was mich viel eher – und im Grunde schon vor meinem Beitritt – verwirrte, war die Frage: Mit wem bin ich denn jetzt da in einem Boot? Schon die Behauptung, „nicht links, nicht rechts, sondern vorne“ zu sein, fand ich, ein Kind der klar geteilten westdeutschen Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre, verwirrend, konnte es aber noch hinnehmen, da, wie wir ja auch anderweitig feststellen – hallo Thüringen, hallo Saarland! – sich die politischen Lager ohnehin langsam auflösen.

Aber ob ich mit einem späteren Bundesvorstandsmitglied bei einer Demo ein Transparent teilte oder (das eine Mal) in der C-Base saß und mich organisieren ließ: Immer wieder kam in mir die Frage hoch, was ich mit diesen engagierten, meist um einiges jüngeren Menschen außer meinem Interesse für informationelle Selbstbestimmung, Bürgerrechte und ein freies Netz denn noch gemeinsam hätte. Und wenn dann besagtes Bundesvorstandsmitglied in seinem persönlichen Blog erklärt, warum Linke hassen und Piraten lieben (was ich so nicht verstanden habe), und damit eine extrem heftige Diskussion in der Mailing-Liste auslöst, habe ich so den Eindruck, auch andere Piraten wissen eigentlich nicht so genau, mit wem sie da in einem Verein sind.

Vielleicht hätte ich es rausfinden können, wenn ich nach der Gründungsversammlung der Crew Konrad Zuse auch nur noch ein einziges Mal dort aufgetaucht wäre. Vielleicht kann ich es ja auch noch rausfinden, wenn ich mal wieder hingehe. Aber das wird erst der Fall sein, wenn ich mir eine halbwegs überzeugende Antwort auf die im letzten Absatz gestellte Frage geben kann.

Nicht der stärkste Beitrag, den ich hier geschrieben habe, nicht die überzeugendste (wenn dieser Superlativ überhaupt erlaubt ist…) Beweisführung, ich weiß. Aber ich muss jetzt erst einmal feststellen, ob ich überhaupt ein party animal (Vorsicht, Wortspiel!) bin, und ob es – s.o. – nicht doch etwas anderes, besseres zu finden gibt.