Abstraktes zum Sonntag

Aus Gründen™ habe ich mich in den letzten Tagen zum wiederholten Mal mit dem Dualismus „Programm vs. Content“ beschäftigt. Wie bekannt sein dürfte, arbeite ich für ein Unternehmen, das seit den fünziger Jahren im Geschäft mit (Radio, später auch Fernseh-) Programmen, seit der Mitte der neunziger Jahre auch im Geschäft mit content, also Inhalten ist, die je nach Bedarf und Interesse abgerufen werden können. Sprich: Internet.

Während ich also, ebenfalls in den letzten Tagen, meinen Beitrag zum Zeitungssterben geleistet habe, indem ich, leise „Papier allein ist kein Qualitätsmerkmal“ vor mich hinmurmelnd, mein letztes Zeitungsabo kündigte, machte ich mir Gedanken über die mediale Zukunft. Dabei dachte ich an ein Memo, das ich im Jahr 2006 unaufgefordert an meinen Chef schickte, und das er mir ebenso unaufgefordert verbal um die Ohren haute, weil ich darin das Ende des „Programms“, also des linear ausgestrahlten Radio- und Fernsehangebotes, prognostizierte, während „Content“, also der beliebig abrufbare mediale Inhalt, das journalistische Produkt der Zukunft sei.

Auch wenn mein Arbeitgeber eine ganze Reihe seiner Radio-Programme inzwischen eingestellt hat und dafür IP-basierte Angebote (sprich: Internet) stark ausbaut, ist das lineare (Fernseh-) Programm alles andere als auf dem absteigenden Ast.

Das versuchte ich also in den letzten Tagen in PowerPoint-Sprech zu gießen – und merkte erst bei der Präsentation selbst, dass der Dualismus „Programm vs. Content“ so nicht stimmt. Denn genauso wenig, wie Papier ein Qualitätsmerkmal ist (sondern vielmehr ein Trägermedium), so wenig ist es die Zeitachse, an der entlang ein Fernsehprogramm ausgestrahlt wird. Die zeitliche Reihenfolge ist vor allem eine Rahmenbedingung der linearen Ausstrahlung, die bis vor einigen Jahren die einzige Möglichkeit war, bewegte Bilder aktuell zum Kunden zu bringen.

Während also auf den Folien meiner Präsentation immer noch der Gegensatz (?) Programm/Content stand, versuchte ich – es gilt das gesprochene Wort – die Aufmerksamkeit meiner Zuhörer unauffällig auf ein neues Begriffspaar zu lenken: Content und Kontext.

Journalistisch gesehen hat die lineare Ausstrahlung gegenüber dem content on demand ja durchaus einen Vorteil: Ich kann als verantwortlicher Redakteur Zusammenhänge herstellen, indem ich mehrere Inhalte in einer bestimmten, inhaltliche sinnvollen Reihenfolge bringe, indem ich als Moderator zusätzliche Informationen biete, die weder in Inhalt a noch in Inhalt b genug herausgearbeitet wurden, indem ich – kurz gefasst – redaktionell tätig bin. Ich bringe Content in einen sinnvollen Kontext (und nenne das dann „Sendung“). Der Kontext (sprich: Sendung) ist dann mehr als die Summe des Contents.

Nichts anderes aber findet im Idealfall auch in diesem Internet statt. Video-Content aus der Produktion meiner Kollegen wird in neuen Zusammenhängen in die Web-Angebote meines Arbeitsgebers eingebunden, kommen von dort – vorausgesetzt, die Rechte stimmen! – auf soziale Plattformen, werden in Blogs eingebunden, getumblrt, was auch immer. Und aus der journalistischen Tätigkeit des Redigierens wird ganz fließend das Kuratieren.

Dave Winer, der ja sowieso immer Recht hat, wenn auch manchmal erst Jahre später, spricht schon seit einiger Zeit nur noch von Nachrichtenströmen (kein individueller Link, weil das Thema ohnehin ständig bei ihm auftaucht) und hat den „River“, also den Fluss, sogar zum Produkt seiner aktuellen Software (die ich – ehrlich gesagt – nicht verstehe) gemacht.

Ein sinnvoll kuratierter Strom von Inhalten hat also die Chance, mit dem Produkt „Sendung“ in einen Qualitätswettstreit zu treten, sogar einen Mehrwert zu bieten. In Fällen, in denen das gelingt, wird die Zeitachse der Sendung zum Papier der Zeitung: ein Begleitumstand eines Verbreitungsweges, nicht mehr. Dabei gibt es unterschiedlich wirksame Arten des Kuratierens, des Setzens in Zusammenhänge: Der automatisch hergestellte Bezug zu „ähnlichen Inhalten“ auf YouTube bringt dabei den geringsten Mehrwert (kostet aber auch am wenigsten…), ein gutes Tumblelog liegt da eher im Mittelfeld, und eine gebaute Seite/ein gebautes Netz von Inhalten steht in direkter Konkurrenz zu herkömmlichen journalistischen Inhalten – und bietet mehr.

Die Chance für professionelle (im Sinn von: ist darin ausgebildet, verdient damit Geld) Journalisten besteht darin, besser zu kuratieren als andere, das beste mediale Produkt abzuliefern – egal, auf welcher Zeitachse. Denn entlang einer Zeitachse werden auch non-linear verbreitete Inhalte immer konsumiert: entlang der des Konsumenten. Denn Zeit lässt sich (noch) nicht mit Hyperlinks vernetzen.

11 Gedanken zu „Abstraktes zum Sonntag“

  1. Ich habe seit ca. 2 Jahren kein TV/Radiogerät mehr, aber ich glaube, dass ich mir bald wieder eines holen werde. Linearität und Zeitachse sind ein Grund dafür, dass mir etwas fehlt – bei laufender „Old Media“ gibt es ein Grundrauschen, das den Tag automatisch unterteilt (etwa: Die Nachrichtensignation weckt aus der Arbeits-, Lese- oder sonstigen Trance). Zudem kriegt man die wichtigsten News serviert, ohne aktiv werden zu müssen – ich muss nicht auf eine Seite, in ein Programm schauen, ich muss gar nichts aufrufen, sondern kriege alles erzählt. Dabei kann ich zuhören oder auch nicht, das ist dem Gerät egal.

    Der zweite Punkt ist, dass bei all der effektiven Information die Vielfalt auf der Strecke bleibt – eben, dass man auch einmal etwas hört oder sieht, das einen nicht interessiert, oder von dem man bisher nicht wusste, dass einen interessiert.

    Deshalb sind für mich lineare Medien keine „Konkurrenz“ zum Internet (oder umgekehrt), sondern könnten sich sogar ideal ergänzen – wenn alle Beteiligten verstehen, worum es geht.

    (Hm, das hätte ich ja fast selber bloggen können. Sorry für die vielen Buchstaben!)

    • Die Idee mit der Zeitachse ist wichtig – habe ich übersehen. Bei aller Non-Linearität gucke ich immer noch um 20:00 Tagesschau, wenn es geht. Als Übergang von Tag zu Abend, und als Kontrolle, ob ich tagsüber was wichtiges verpasst habe. Allerdings: Meist habe ich die wichtigsten Themen des Tages schon gelesen/gesehen.

      Tageszeitungen im herkömmlichen Stil spielen hierbei übrigens keine Rolle mehr. Nachrichten will ich nicht am nächsten Tag nachlesen. Und Eigenrecherche, Analyse, Hintergrund und Meinung – also das, was mir eine Zeitung noch schmackhaft machen könnte – ist wohl zu teuer, um eine Zeitung zu tragen. Jedenfalls finde ich in dieser Hinsicht immer weniger, das mich interessiert. Deshalb auch Abokündigung.

  2. Stimmt, Tageszeitungen sind auch aus meinem Informations-Universum längst verschwunden. Manchmal kaufe ich samstags noch den Standard, zum Füßehochlegen und Papierrascheln, und weil sie dort noch Journalisten haben, die mit Worten umgehen können. Aber im Grunde mehr aus Nostalgie.

  3. Lieber Konstantin,

    Stichwort Abokündigung – da wäre ich nicht so leicht bereit. Ich habe ein stark eingeschränktes Abo,
    Süddeutsche Zeitung nur am Freitag und am Samstag. Das allerdings gefällt mir sehr. Ich finde in der
    SZ eine Art, Themen zu behandeln, eine Blickrichtung sozusagen, die ich im Internet eher nicht finde.
    Außerdem geht mir im Internet die unablässige Werbung (gern auch pop-up-Werbung!) auf die Nerven,-
    die gibt es ja nun in Zeitungen immer weniger. Auch dass ich in jedem Forum, in das ich im Netz mal
    gehe (um dort vielleicht auch einen Zeitgenossen zu lesen, der ein Thema intelligent und originell einordnen kann), Unflat fürchten muss, einander verbal abmetzelnde Piraten, oder Dumpfbolde, die früher
    aus gutem Gut kein Forum hatten und sich jetzt im Netz richtig auskotzen dürfen – all das missfällt mir
    dann doch an der digitalen Welt. (Und ebendiese digitale Welt ist ja auch schuld daran, dass wir heute von etwas so strunzdummem wie den Piraten belästigt werden – aber das nebenbei!) – Klar sehe ich gerne die häppchenförmigen Filme bei SpiegelOnline; auch versuche ich gerade, den SPIEGEL auf dem i-Pad zu lesen, aber: Ich fürchte, ich werde sozusagen in den digitalen Startlöchern alt werden. Auf Tageszeitungen werde ich dann womöglich verzichten müssen – denn dass die SZ zu den Überlebenden gehört, steht wohl nicht zu erwarten. Gerade weil sie so gut ist.

    Mit völlig analog herzlichen Grüßen, KN

    • Einspruch, Euer Ehren,

      ich bin zwar auch der Meinung, dass die Süddeutsche wahrscheinlich Probleme mit dem Überleben im 21. Jahrhundert haben wird, aber nicht, weil sie so gut ist, sondern weil sie nicht gut genug ist. Auch bei der Süddeutschen hat man noch nicht kapiert, dass Papier nur ein Trägermedium ist, und dass Werbung nicht immer nur der Schwerkraft folgt und im tiefsten Niveau (sprich: Internet) landet.

      Im Gegenteil: Gerade in einem in dieser Hinsicht so leicht erforschbaren medialen Komplex wie dem Netz geht zielgruppenorientierte Werbung der ehemaligen Zielgruppe der SZ dorthin, wo sie diese Zielgruppe zuverlässig findet.

      Und da kommen wir zu der zweiten Sache, der mit der „anderen, intelligenteren Blickrichtung“. Die mag zwar von der SZ als Maßstab angenommen sein; in Wahrheit finde ich vieles davon eher verschnarcht und verkrustet. Wirklich lesenswerte Inhalte mit anderer Blickrichtung finde ich anderswo: bei zeit.de, dem tagesaktuellen Netz-Ableger der guten alten ZEIT (die übrigens keine Zeitung ist, sondern eine Zeitschrift, und deshalb anderen, wenn auch nicht weniger rauen Gesetzen unterliegt).

      Und hier, fürchte ich, finden wir auch die Werbeeinnahmen, die der SZ künftig – oder auch schon jetzt – fehlen, weil sie Papier für ein Qualitätsmerkmal hielt.

  4. Noch etwas, das mir nachträglich eingefallen ist: Auch nonlinear angebotenes Video ist letzten Endes linear: Es hat einen Anfang und ein Ende. Man kann – den entsprechenden Player vorausgesetzt – das Video zwar auch von hinten nach vorne oder in einzelnen Sprüngen angucken; besser wird es durch eine derart selbstbestimmte Form des Konsums aber nicht.

    Ist eben eine Eigenart solcher analogen Darstellungsformen (auch Audio gehört dazu, ob nun als Podcast oder als Musikstück): Sie funktionieren nur entlang der Zeitleiste des Lebens des Hörers bzw. Zuguckers.

  5. Mein nonlinear reusable Content zu widgets.org/timeline/examples/monet/monet.html, Zeitachse und Link (Link entlinkt, weil Inhalt nicht überprüfbar. Siehe meinen Kommentar. KK)

  6. Sorry für den kaputten Link (monet…) Dieser soll jetzt zeigen, dass nicht Böses dahinter steckt: Klick auf ‚Many more examples > Monet‘ wird beispielsweise das Leben von Monet als veränderbare Zeitleiste mit Infos darstellen (auf Links klicken :-)).

    • Danke für den korrigierten Link. Stimmt, dahinter verbirgt sich nichts Böses. Und wenn – um zum Thema dieses Postings zurückzukommen – jetzt jemand eine solche Timeline mit live eingebauten Nachrichtenlinks entwickeln würde, hätte jeder seine eigene interaktive Tagesschau zuhause.

      Zumindest solange es noch Nachrichtenlinks gibt. Ich sage nur Leistungsschutzrecht

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