9. November revisited

Einer ist immer der, der die, sagen wir: weniger interessanten Jobs machen muss. Am 8. und 9. November 1989 war ich derjenige, und so kam es, dass ich, Redakteur beim RIAS (einem, nein, dem Berliner Radiosender, sorry, SFB!), an Stelle meines Chefs auf eine Dienstreise nach – of all places – Ludwigshafen gehen musste, jungen Journalisten das kreative Lustigsein beizubringen.

Am Nachmittag des 9. Novembers hatte ich gesagt, was zu sagen gewesen war, und fuhr nach Mannheim, meine Schwester kurzzubesuchen, die am selben Abend in einen Nachtzug steigen wollte. Essen beim Chinesen, Schwester zum Bahnhof, ich mit ihrem Wohnungsschlüssel zur Wohnung, halb zwölf, Fernseher an.

Warum sehe ich Friedrichs? Die Tagesthemen haben nicht den Ruf, zu überziehen, die zuvor gelaufenen Sendungen an einem Donnerstagabend erst recht nicht. Und warum spricht Friedrichs davon, dass die Mauer offen ist? Und warum, verdammt noch eins, bin ich in Mannheim und alle anderen in Berlin? (Warum mich keiner angerufen hatte, war mir dagegen klar: Wir befinden uns im Jahr 1 v.H. – vor Handy…)

Anruf in der Redaktion – ich wusste, dass dort jemand rangehen würde. Mein Chef, der Daheimgebliebene, ging ran, hatte keine Zeit für mich. Ach was.

Wir wurden uns einig: Nach Berlin würde ich in der Nacht sowieso nicht kommen (ich war per Flieger in den Westen gereist). Ich sollte zusehen, an die deutsch-deutsche Grenze zu kommen und von dort aus zu berichten – schlimmstenfalls per Autotelefon (das war das, was man in Autos einbaute, bevor man Telefone in Hosentaschen stecken konnte). Avis reservierte mir den letzten Wagen mit Telefon – eine 280er E-Klasse. Die Reisestelle würde sich freuen. Abholung ab sieben.

Am nächsten Morgen stand ich übernächtigt um sieben bei Avis am Frankfurter Flughafen, fünf Minuten später jagte ich Richtung Herleshausen. Dort angekommen, standen schon einige Kollegen mit ähnlich wertigen Mietmagen – sie hatten die gleiche Idee gehabt und durften nun wie ich feststellen, dass der Grenzübergang Herleshausen in einem großen Funkloch des damaligen C-Netzes lag. Zum Glück hatte der Hessische Rundfunk einen Hörfunkübertragungswagen geschickt, der via Richtfunk aus dem Funkloch senden konnte, zum Glück waren die Kollegen hilfsbereit, zum Glück bekam ich Liveschalten und Überspielzeiten nach Berlin.

Und ich stand im Zweitaktdunst auf der Autobahn, hielt das hr-Mikro in geöffnete Autofenster, hörte „Wahnsinn!“ und andere nicht sonderlich reflektierte, aber aus vollem Herzen kommende Äußerungen. Setzte mich zu zwei Männern in den Trabant (das erste und einzige Mal, dass ich in einem Trabant gesessen habe! Ehrlich!), fuhr mit ihnen nach Herleshausen, holte mit ihnen ihr Begrüßungsgeld ab. Dann wollte der Trabant nicht mehr, wir kamen gerade noch zurück zur Grenze, wechselten in den Benz, machten einen Tagesausflug in die Umgebung (West), redeten über alles mögliche, das jetzt vor uns liegen mochte. Am späten Nachmittag dann Schnitt, Überspielung – was jetzt?

Bei aller Begeisterung auf der (heutigen) A4 – die action war woanders, und ich war nicht dort. Mit dem Leihwagen über die Transitstrecke und vor Berlin stundenlang in Dreilinden im Stau stehen? Dann lieber zurück nach Frankfurt und mit der letzten Maschine der PanAm nach Hause. Unterwegs ging das Autotelefon, das beschissene, treulose Gerät wieder, und ich versuchte, der PanAm klarzumachen, dass ich unbedingt nach Berlin müsste. Ich wurde höflich ausgelacht und darum gebeten, mich gefälligst in die Schlange am Schalter einzureihen. Im Radio hörte ich meinen RIAS-Kollegen, wie er mit vor Bewegung tränenerstickter Stimme den hr-Hörern von den Vorbereitungen eines Mauerdurchbruchs in der Bernauer Straße erzählte.

Avis bekam den Autoschlüssel hingeknallt, und am PanAm-Schalter, der, zwanzig Minuten vor Abflug der letzten Maschine des Tages, noch umlagert war, benahm ich mich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben wie einer dieser Journalisten im Film – ich drängelte mich rücksichtslos durch, knallte die Kreditkarte auf den Tresen und hatte mein Ticket und meinen Platz. Spät nachts war ich in Berlin, am nächsten Morgen war ich auf den Straßen unterwegs, sah, staunte, redete, berichtete und organisierte eine Live-Sendung auf dem Wittenbergplatz.

Nachgedacht? Nachgedacht habe ich in diesen Tagen wenig. Keine Zeit. Journalist sein hieß: berichten im panic mode, sehen, formulieren, wiedergeben. Einordnen konnte man später. Gefühlsjournalismus, keine nennenswerte journalistische Distanz, aber die erwartete auch niemand. Keiner wusste, was die nächsten Monate bringen würden – es interessierte aber auch keinen so wirklich. Wir lebten von Grenzdurchbruch zu Grenzdurchbruch, vom anonymen „Wahnsinn!“ in Herleshausen bis zum professionell gedröhnten „Wahnsinn!“ des Regierenden Bürgermeisters an der Brache, die inzwischen wieder der Potsdamer Platz ist.

Am Montag, den 9. November 2009, werde ich in meinem Büro in der Berliner Voltastraße sitzen und ohne Neid zusehen, wie meine Kolleginnen und Kollegen rund um die Uhr live von den Straßen Berlins senden. Und auch wenn ich von den letzten zwanzig Jahren fast acht im Ausland verbracht habe, werde ich denken: Was für eine Zeit liegt hinter uns!