Wg. TXL

Durch die Verlängerung der Restlaufzeiten für die beiden alten Berliner Flughäfen (BER wird jetzt erst im nächsten März sonstwann eröffnet) ist die folgende Eloge ein klein wenig obsolet geworden. Ich lasse sie hier aber stehen und kann sie zum 17. März Herbst 2013 2014 2015 ja nochmal hervorholen.

Aus der Abteilung: “Formulierungen, die einen neidisch machen” (doch, schon ein wenig):

In sieben Stunden werde ich zum vorletzten Mal in meinem Vielfliegerleben den Flughafen Berlin-Tegel erreichen, Rollkoffer am langen Arm, Laptoprucksack über der Schulter, Träne im Knopfloch. Ende Mai, so sagt mir mein Kalender, werde ich noch einmal von Tegel aus fliegen, und dann werde ich, Ex-Schönefelder (1994-1996 und 2004 noch einmal), mich für jede Dienstreise zunächst auf die halbe Stadtrundfahrt mit der S9 einlassen.

Nicht der einzige Grund, weshalb mir TXL (woher das X kommt, weiß ich nicht; TGL wäre als Airport-Code durchaus frei gewesen) fehlen wird. Einfach zu oft dort gewesen, zuviel gesehen, mich sehr an diesen kleinen Airport gewöhnt.

Kennengelernt habe ich TXL wie die meisten Westdeutschen: auf einer Klassenfahrt in die ummauerte Frontstadt. Die Klasse war eine Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule; Klassenfahrtcharakter hatte die Sache doch, Jahrzehnte vor der ersten re:publica. Drei Fluggesellschaften flogen Tegel an: Pan Am, British Airways und Air France. Es war 1979, und TXL in der noch heute bestehenden Form war gerade mal viereinhalb Jahre alt. Übersichtlich war er, keine hundert Meter vom Gate zum Bus, und mit dunklen Terracottafliesen bepflastert, über die die Gepäckwagen lustig polterten.

TXL - Photo: Andrew Nash - CC-LizenzNicht viel anders war TXL, als ich Anfang 1986 nach Berlin zog, der Arbeit halber. Der Liebe halber flog ich, heftig subventioniert wg. Frontstadt, eine Zeitlang regelmäßig nach München, immer mit Pan Am, der für die Flüge in die ehemalige amerikanische Besatzungszone zuständigen Airline. Und bei der Rückkehr mit dem letzten Clipper (so nannte Pan Am seine Maschinen) am Sonntagabend ging es meistens von Wannsee über Schöneberg nach Osten, einmal um den Fernsehturm herum und dann auf die Landebahn von Tegel. Ein Ritual, das ich später auch von unten beobachten konnte, als die Liebe wechselte und die neue Liebe eine Wohnung hatte, von der aus man die Anflüge Richtung Fernsehturm beobachten konnte.

Dann kam 1989, dann wurde vieles anders, und ich amüsierte mich eine Zeitlang mit dem öffentlichen Verlesen – ich arbeitete damals beim Radio – von Flug-Verspätungsmeldungen, speziell, wenn der Linienflug zur Insel Usedom mal wieder zu spät dran war. Heringsdorf, gnhihihi.

Unsere große Zeit, also die des Flughafens und meine, begann 1996, als ich mit Familie für unbestimmte Zeit in die USA ging, beruflich und privat aber acht- bis zwölfmal im Jahr nach Berlin musste. Samstagmittag oder gar -nachmittag, je nach Verbindung, in Tegel ankommen, immer das Gefühl eines verlassenen Landflughafens haben, mit dem Bus nach Jungfernheide zur S-Bahn. Eine Woche später zu unchristlicher Zeit mit S-Bahn und Bus wieder zum Flughafen, meist am Sonntagmorgen, und um 6:00 nach Paris, London oder meistens Amsterdam einchecken. Danach Frühstück in einem der zwei damals noch bestehenden Restaurants (mit echten Sitzplätzen! Und mit Aussicht aufs Rollfeld!), dann ab nach Hause über Paris, London oder Amsterdam. Und nie mehr als 100 Meter zwischen Bus und Gate. Über die Jahre entwickelte sich der Eindruck eines unglaublich durchdacht und praktisch entworfenen Gebäudes, das nur aus Versehen als Flughafen genutzt wird.

Und TXL knirschte; damals stolperte man wie heute über fremde Koffer, kurvte um Reisegruppen herum und fluchte leise vor sich hin. Und es half auch nichts, als die alte Nebelhalle (in der ich tatsächlich mal einen Nebelabend verbracht habe) zum Abfertigungsbereich wurde, als die Restaurants zu Abfertigungsbereichen wurden und von Espressobars und Brezelwagen nur sehr unzulänglich ersetzt wurden, als Terminal B als Anhängsel eines Parkhauses entstand, als schließlich die Wellblechhütte gebaut wurde, die heute Terminal C heißt. TXL knirschte; nur das lustige Holpern der Gepäcktrolleys gibt es nicht mehr, seitdem die Terracotta-Fliesen einem glatten hellgrauen Boden wichen.

Einige Tegel-Momente: Auf der Aussichtsterrasse stehen und der Freundin auf dem Weg nach Frankfurt (an Bord eines Pan Am-Clippers, no less!) zuwinken. Von freundlichen KLM-Mitarbeiterinnen wg. eines journalistischen Notfalls unplanmäßig, aber reibungslos über Amsterdam und Detroit nach Washington geroutet werden. Völlig platt sein, weil für 80 min. Parken im Innenraum plötzlich über 20 €uro fällig werden (erst kürzlich). Das (wiederholte) Gefühl, als erster den Koffer vom Fließband zu picken – und das ebenso häufige Gefühl, der letzte zu sein, der seinen Koffer bekommt. Verpennte, weil betäubte Katzen nach Washington einchecken. Acht Jahre später sehr wache und sehr stinkige Katzen wieder in Tegel in Empfang nehmen. Und Frühstücke, Frühstücke, Frühstücke…

In wenigen Stunden also wieder. Start hoffentlich nach Westen, über Spandau und die Havellandschaft hinweg. Zum vorletzten Mal. Ach ja, du kleiner Busbahnhof unter den Airports.

(Photo: Andrew NashCC-Lizenz)

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Autor: Konstantin Klein

Journalist, net citizen. Survived life, so far. That's about it.

4 Kommentare

  1. *schnüff* wie traurig, war nicht so oft wie du, die Restaurants durfte ich leider nicht mehr kennenlernen, aber werde ihn auch vermissen

  2. Sehr charmanter Artikel :-) Der mir inhaltlich aber überhaupt nicht zusagt. Habe TXL als Semivielflieger nie gemocht. Klein, uselig, ömmelig, der verdammten Hauptstadt eines riesigen Landes unwürdig. Gastronomieangebot wie ÖPNV-Anbindung? Unzureichend. Ich war sehr froh, als ich am 30. März ein letztes Mal den völlig überfüllten, stickigen Boarding-Wartebereich in Richtung Flieger verlassen durfte…

  3. Tscha. Soll ich diese Elegie jetzt wieder runternehmen und erneut veröffentlichen, wenn der Flughafen mit dem Namen Willy Brandt über ausreichend Brandtschutz verfügt? Oder soll ich mich einfach nur klammheimlich über ein paar weitere Flüge vom Busbahnhof aus freuen, wundern, kaputtlachen?

    Man weiß es nicht.