Ohne Piraten

Mit “Urheberrecht und Nutzungsmöglichkeiten in der vernetzten Welt” beschäftige ich mich beruflich jeden Tag, wenn auch nicht unter dem leicht holprigen Titel “free access, but not for free“. Meine Aufgabe und die meiner Kolleginnen und Kollegen ist, dafür zu sorgen, dass die TV-Inhalte der Deutschen Welle, soweit möglich, auch online geguckt werden können. Und dieses “soweit möglich” war und ist das Thema eines zweitägigen Symposiums des Instituts für Rundfunktechnik, eines Think Tanks von ARD, ZDF, DeutschlandRadio, ORF und SRG.

Uhrheber (Symbolbild)Als nicht sonderlich regelmäßiger Besucher von Symposien glaube ich ja, dass ein Symposium umso besser ist, je weniger berechenbar die angebotenen Inhalte sind. Unter diesem Aspekt (der ja auch falsch kann, weil subjektiv) war das IRT-Symposium bei der Deutschen Welle in Bonn, nun ja, ein Teilerfolg. Denn dass Vertreter der etablierten Urheberrechtsmaschinerie das bestehende Urheberrecht ganz in Ordnung finden, ist nur mittelüberraschend.

Der Ehrenpräsident der VG Wort und später der Geschäftsführende Vorstand der gleichen Organisation finden, dass die Wahrnehmung und Abgeltung von Urheberrechten in den Händen von Verwertungsgesellschaften gut untergebracht sind? Es ist ihr Job, das gut zu finden.

Ein Rechtsanwalt der ver.di-Fachgruppe Medien findet, dass die “digitale Gesellschaft” entweder ein Verein in Berlin oder ein “Werbeslogan der Internetwirtschaft und ihrer Jünger” ist und nur deshalb nicht automatisch einen Grund für ein neues Urheberrecht darstellt? Ach gar.

Ein Drehbuchautor und Regisseur findet, dass seinesgleichen ohnehin zu schlecht bezahlt ist (was ich durchaus für möglich halte) und von der digitalen Verwertung ihrer Produkte zuwenig bis gar nichts abbekommt? Sag bloß.

Und alle zusammen finden mehr oder weniger deutlich, dass diese Piraten, die jetzt als Protestbewegung, als Interessenvertretung der “Kostenlos-Kultur”, als Störfaktoren in ein Landesparlament nach dem anderen gewählt werden, also, dass diese Piraten, also nee, und also wirklich… Des Effektes wegen habe ich die vorgetragene Argumentation verknappt; dass die Piraten dafür gesorgt haben, dass urheberrechtliche Fragen, lange eine Geheimwissenschaft, wieder stark diskutiert werden, konnte niemand bestreiten – und hat auch niemand bestritten. Aber es kam auch wenig überraschend (und ist an anderer Stelle schon vorausschauend thematisiert worden), dass Julia Schramm, Vielsprecherin der Piraten, die den Begriff des Geistigen Eigentums “ekelhaft” findet (zitiert nach FAZ.net), als Paradebeispiel für die Politikunfähigkeit und Diskussionsunwürdigkeit der Piraten-Idee herhalten musste. Oder durfte.

Umso erfrischender der Auftritt von Heidi Schmidt, der Online-Koordinatorin der ARD, die sich als Vertreterin der “Überregulierten” sieht (was ich aus meiner beruflichen Sicht durchaus und von ganzem Herzen verstehe – was man alles beachten muss, bis ein längst gesendeter TV-Beitrag auch online gehen darf!). Frau Schmidt also meinte, der Beitrag der Piraten zur copyright- oder eher urheberrechtspolitischen Diskussion sei doch nicht unwichtig für die Zukunft des Urheberrechts, und ob es nicht eine gute Idee wäre, wenn jetzt ein Pirat da wäre, um darüber zu reden.

Überraschte Zustimmung im Saal. Es war aber keiner da (ein Expirat, der mit der Partei so seine Schwierigkeiten hatte und hat, zählt ja wohl nicht). Und auch für den zweiten Tag ist laut Programm keiner eingeladen. So blieb die Diskussion am ersten von zwei Tagen einerseits auf hohem Niveau, andererseits aber auch unter sich.

Einen persönlichen Pluspunkt zum Schluss noch für Reinhard Hartstein, den Verwaltungsdirektor der Deutschen Welle, der in seiner Begrüßungsansprache auf die Idee vom free flow of information zu sprechen kam, ein Konzept, das zwar mit Urheberrechtsfragen zunächst nicht direkt zu tun hat, aber doch in der Diskussion um Geoblocking, YouTube-Sperren etc. zu sehr in den Hintergrund gedrängt worden ist.

Update: Am zweiten Tag wurde es dank zweier Männer namens Matthias doch noch unterhaltsam und nicht unspannend. Matthias Leonardy, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (guck mal, ein Katzenbild auf der Seite!) stellte seine Sicht der Piraterie – ein Ausdruck, den er übrigens nicht mag wg. zuviel Abenteuerromantik – und der Gefahr ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz dar – und vermied dabei, allzu genau auf mögliche und gern geforderte Kontroll- und Blockademechanismen einzugehen. Und der zweite Matthias – Spielkamp von der Berliner Firma iRightsLab – zeigte mit einer gewissen Fröhlichkeit am Beispiel von Community-AGBs, wie irrsinnig man das Urheberrecht solange zu regulieren versucht, bis man sich selbst im Weg und/oder außerhalb des Urheberrechts steht.

Letztes Zitat, von dem GVU-Mann: “Als Jurist weiß ich: Es gibt keine Sicherheit.“

(Hinweis: Ich habe nicht als unparteiischer Berichterstatter an dem Symposium teilgenommen, sondern als beruflich Betroffener – s.o. – und Interessierter.)

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Autor: Konstantin Klein

Journalist, net citizen. Survived life, so far. That's about it.