Die unsexy Krankheit

Die WandVor ein paar Tagen, in der Kantine meines Arbeitgebers. Ein Kollege winkt mir freundlich zu und fragt mich, ob ich wieder gesund sei. Ich war gerade aus dem Urlaub zurück und musste kurz nachdenken, was er denn eigentlich meinte. Bis er seinem Tischgenossen erklärte, dass ich ein Blog führte und dort über meine Krankheit geschrieben hätte und darüber, dass sie mich unter anderem vom Bloggen abhielte.

Wenn ein Zustand so dauerhaft geworden ist, dass selbst der Betroffene ihn lang nicht als Krankheit erkennt…

Ich leide an einer Depression. So. Jetzt ist es raus. Es ist nicht einfach, darüber zu reden, für einen, der in wirklich persönlichen Fragen eher ungern ein Gewese um sich selbst macht (ich sagte: “in wirklich persönlichen Fragen” – sonst bin ich immer gerne dabei beim Posen!). Es ist auch nicht einfach, in einer (immerhin begrenzten Blog-) Öffentlichkeit darüber zu reden, in der, wie ich seit dem Kantinentreffen aus dem ersten Absatz weiß, auch Kollegen zu finden sind. Und es ist schon gar nicht einfach, wenn der Betroffene selbst sich jahrelang ultimativ aufgefordert hat, sich verdammt noch eins nicht so zu haben.

Es ist eine leichte Depression, sagt der Psychiater, nichts, was man mit Psychopharmaka behandeln müsste, und möglicherweise geht es sogar ohne ausgewachsene Therapie, und ein wenig Coaching behebt die Sache. Der Versuch läuft.

Und doch: So unsexy (keine Pillen, keine Therapie, kein ausgemergeltes Gesicht) die Krankheit sein mag, so hinterhältig ist sie. Sie versteckt sich gut; keiner, der in der Öffentlichkeit mit mir zu tun hat, würde hinter dem fröhlichen Gesicht (und den dummen Witzen) eine Depression vermuten. Sie wirkt sich nicht erkennbar auf die Funktionsfähigkeit des Betroffenen aus. Aber sie macht aus einem einigermaßen sozialen Wesen ein unsoziales, das streckenweise nur allein gelassen werden möchte, das stundenlang antriebslos ins Leere sieht, das – um es rustikal zu formulieren – den Arsch nicht mehr hochkriegt zum Leben. Sie macht weder dem Betroffenen noch gar seiner Umgebung das Leben zur Hölle – das nicht. Aber sie verändert den Betroffenen mehr, als ihm, nein: als mir lieb ist.

Warum ich das hier hinschreibe? Zunächst einmal: Dies ist meine Seite, und ich kann hinschreiben, was ich will. Dieser Eintrag dient auch nicht zum Selbst-Outing; wer über mich Bescheid wissen sollte, von der engsten Familie bis hin zur Chefin, weiß darüber Bescheid – jetzt eben auch mitlesende Kollegen und die treue Leserschaft dieser Seiten.

Und all denen, aber vor allem mir selbst, will ich damit vor allem eins sagen: Depression kommt vor. Depression kommt öfter vor, als man glaubt. Und Depression ist nichts, was man einfach hinzunehmen hat. Der erste Schritt im Kampf gegen Depression ist, sich einzugestehen, dass man sie hat.

Kann sein, dass dies auch später wieder zum Thema auf diesen Seiten wird. Kann aber auch sein, dass nicht.

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Autor: Konstantin Klein

Journalist, net citizen. Survived life, so far. That's about it.

9 Kommentare

  1. Lieber Konstantin,

    schon komisch, dass es immer noch mutig ist, also immer noch Mut erfordert, sowas öffentlich zu machen. Ich erinnere mich an eine kleine Begebenheit, als ich wegen meiner “mittleren” Depression
    2005 in der Psychiatrie der Charité war. Ich fragte eine Stationsschwester, ob es nicht manchmal auch sehr schwer für sie sei, das seelische Elend mitzuerleben. Sie antwortete: “Ich mach das seit 35 Jahren. Ich habe mir genau diesen Beruf ausgesucht. Und wenn ich auf Rente gehe, hoffe ich sehr, dass die Leute dann sagen werden ‘Ich gehe mal ein paar Wochen in die Psychiatrie, weil ich mit meiner Depression nicht mehr klar komme’ so wie die Leute heute sagen ‘Ich muss ins Krankenhaus, weil ich mir den Arm gebrochen habe”. – Den Satz habe ich nicht vergessen. Ich finde es wichtig, dass auch Leute es veröffentlichen, die – wie ich – eine stärkere Depression hatten als Du jetzt und die es als sehr hilfreich / heilend erlebt haben, eine Weile in stationärer Behandlung zu
    sein. Beste Grüße und alle guten Wünsche!!!!! Klaus

    • Vielleicht erfordert es ja gar keinen Mut, sowas öffentlich zu machen, und ich hab mich nur mal wieder so. Aber ich gehe mit dem Thema schon etwas länger um, und der Klick auf den “Veröffentlichen”-Button hat mich noch eine Extraviertelstunde Bedenkzeit gekostet.

      Sonst bin ich doch auch nicht so zögerlich.

      • Wie Dein Titel schon sagt: Es ist eben unsexy.
        Sexy ist es zum Beispiel, über “boah bin ich ausgebrannt” zu klagen, aber dabei tapfer weiter zu ackern. Und über die “Ho-ho-ho” 15-Stunden-Tage in der Agentur zu klagen – wobei das ja nur fishing-for-Bewunderung ist.
        Ist man aber wirklich ausgebrannt, auch mit der Konsequenz dass man aben nicht mehr arbeiten kann, nicht nur nicht 15 Stunden, sondern auch mal nicht mehr zwei oder drei, damit kann dann ja keiner umgehen. (Oder, wie ein guter Freund(!) mal sagte, nachdem ich ihm sagte, dass ich gerade eher unten bin und nicht arbeiten kann und mich sehr krank fühle: Oh, das tut mir sehr leid. Hast Du dann Zeit für meinen Verein, die Website zu machen?)
        Das Verständnis von außen für seelische Krankheiten ist sehr gering, man kann das ja nicht nachfühlen. Ich kann es oft selber nicht mal, wenn es mir gerade gut geht.
        Ich glaube daher neigt man dazu, sich eher damit zu verstecken. Ein Gipsbein ist eine kare Sache, ein Gips kommt nach sechs Wochen ab, das verstehen wir alle. Aber so ein Seelengips?

  2. Konstantin, ich lese dich schon Jahr und Tag und habe, vermutlich, auch schon mal kommentiert. Mal mehr, mal weniger sinniges.

    Nun aber, möchte ich dir wirklich schlicht alles gute wünschen. Deine Offenheit finde ich bewundernswert und beispielhaft.

    *Onwards*.